Militärhistorisches und Ausrüstung

Zwischen Amnesie und Quellenfälschung – Defizite der neuesten Historiographie zum Herero-Deutschen Krieg 1904/05

Geschichte

Till Philip Koltermann

Till Philip Koltermann M.A., Diplômé d’Etudes Africaines Freiburg 2005/2006

Die vorliegende Arbeit steht in engem Zusammenhang mit der daran anschliessenden Studie “Grenzen und Verantwortung der Genozidhistorie: Zur Revitalisierung von ethnischen Konflikten in Namibia” (veröffentlicht in “Allgemeine Zeitung”, Windhoek, 16.8.2006, S.5. Die Originalfassung mit den bibliographischen Nachweisen befindet sich in der Sam-Cohen-Bibliothek/Swakopmund).

„Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ Goethe

‍

I.1 Einführung

Zu den elementaren Aufgaben des Historikers gehört es, Fakten zu prüfen und Quellen sorgfältig zu analysieren. Eine der selbstverständlichsten Forderungen an die Geschichtswissenschaft, der sich jeder Historiker innerlichst verpflichtet fühlen sollte, lautet deshalb: Eine Theorie bzw. These darf nur dann akzeptiert werden, wenn sie auch belegt werden kann. Dies gilt in Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte insbesondere für die politisch extrem aufgeladene und ideologisch tabuisierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Herero-Deutschen Krieg 1904/05 im damaligen Deutsch-Südwestafrika. Der Kölner Afrikanist Andreas Eckl, dessen Dissertation die deutsche Kolonialherrschaft im bisher von der Forschung ignorierten Kavango-Gebiet erstmals untersucht hat 1, stellt in seiner neuesten Publikation „S’ ist ein übles Land hier. Zur Historiographie eines umstrittenen Kolonialkrieges“ zwei Tagebücher zum Herero-Deutschen Krieg für den Zeitraum 1904-1905 vor 2. Die in Echtzeit, d.h. vor Ort verfassten und nicht nachträglich bearbeiteten Dokumente wurden von aus Deutschland entsandten Schutztruppenoffizieren verfasst. Es handelt sich um das „Afrikanische Tagebuch“ des Oberarztes Georg Hillebrecht (1874-1944) und um die Aufzeichnungen des Hauptmanns Franz Ritter von Epp (1868-1946).

Das Anliegen, das Eckl mit dieser Publikation verfolgt, spiegelt sich in der „Einführung“ wider, die sich kritisch mit der „Historiographie eines umstrittenen Kolonialkrieges“ auseinandersetzt (Eckl, S.13-65).

Unversöhnlich stehen als „kolonialapologetisch“ bzw. „revisionistisch“ diffamierte Historiker, die den Herero-Deutschen Krieg lediglich als „normalen Kolonialkrieg“ verstehen einer Gruppe von akademischen Geschichtswissenschaftlern gegenüber, die die militärischen Aktionen der Schutztruppe als „Genozid“ bzw. „Völkermord“ interpretieren (Eckl, S.13-15). Letztere, deren prominenteste Vertreter Jürgen Zimmerer und Jan Bart Gewald sind, verstehen sich ihrem Selbstverständnis nach ganz offensichtlich als Enthüllungshistoriker, die dieses dunkle, angeblich verdrängte Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte erstmals ans Licht der Öffentlichkeit bringen.

Geradezu philanthropisch mutet der sendungsbewusste Missionierungseifer dieser Historiker an, die die Intention ihrer Forschung offenbar darin sehen, koste es was es wolle, Afrika gegenüber eine genuin deutsche Schuld um den „ersten deutschen Völkermord“ 3 abzutragen (vgl. Eckl, S.14, S.44).

Ein konstruktiver Austausch zwischen beiden Lagern, den oft „autodidaktischen Historikern“ und „Kolonialismus-Apologeten“ einerseits und den akademischen „Genozidhistorikern“ und expliziten „Herero-Apologeten“ 4 andererseits findet nicht statt.

An Stelle der nicht existenten wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist die Diffamierung der Gegenseite getreten. Diese geht einher mit der absoluten Ignoranz gegenüber exakter Quellenforschung und der argumentativen Beweisführung der jeweiligen Gegenseite. Was nicht genehm ist und in die eigene Konzeption der Kriegsexegese passt, wird schlicht ignoriert. (vgl. Eckl, S.40). Kurz gesagt: ein Alptraum für die Wissenschaft!

Wie Eckl (S.40) nahelegt, müssen sich die sogenannten seriösen Historiker, die sich weigern, fundierte Gegenargumente, wie zum Beispiel die hinlänglich nachgewiesene Wertlosigkeit des britischen Blaubuches von 1918 (S.19-22) zur Kenntnis zu nehmen, den Vorwurf gefallen lassen, zur Radikalisierung der Debatte einen traurigen Beitrag geleistet zu haben, der die Forschung zu diesem dunklen und unzureichend aufgearbeiteten Kapitel deutscher Kolonial-geschichte langfristig in die Wüste führt.

‍

I.2 Die erfundene „koloniale Amnesie“

Festgehalten werden muss, dass die Repräsentanten der „kolonialen Genozid-Forschung“ zum 100. Jahrestag des Herero-Deutschen Krieges die Deutschen weder aus einer „kolonialen Amnesie“ 5 befreit haben, noch substantiell neue Forschungsergebnisse zu diesem umstrittenen Kolonialkrieg präsentieren konnten.

Die Historiker Horst Drechsler 6 und Helmut Bley 7 sowie die populär-wissenschaftlichen Autoren Helga und Ludwig Helbig 8 haben bereits in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren dezidiert die umstrittene These vom Völkermord in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Dieses „Verdienst“ kommt

Krieg“ als untrennbarer propagandistischer Bestandteil früherer Epochen sollte doch mittlerweile von der sich als modern gerierenden Forschung als überholt ad acta gelegt worden sein. also allein diesen Forschern zu. Ihre Erkenntnisse und Bewertungen fanden auch Eingang in deutsche Schulbücher, in denen das Thema bereits seit den 1970/80er Jahren präsent war: So thematisiert das 1977 erstmals aufgelegte Geschichtsbuch „Fragen an die Geschichte, Band 3“ den deutschen Kolonialkrieg gegen die Herero in Südwestafrika/Namibia.

Als Quellen werden hier der „Aufruf eines deutschen Farmers“ 9, der drastische Vergeltungsaktionen gegen die Herero fordert, sowie der sogenannte „Vernichtungsbefehl” des General von Trotha in gekürzter Fassung unter dem korrekten Titel „Aufruf eines deutschen Generals an die Hereros“ 10 zur Diskussionsgrundlage im Schulunterricht vorgelegt. Die Informationen, die das Schulbuch zum Kriegsverlauf gibt, entsprechen eindeutig der umstrittenen Interpretation der alten und neuen akademischen Historiographie: Die Hereros wurden geschlagen und der Rest mit Frauen und Kindern von den Wasserstellen abgeschnitten und in die wasserlose Wüste getrieben. Von dem 1892 rd. 70.000 Menschen zählenden Stamm lebten 1910 noch etwa 20.000.11

In dem ebenfalls weitverbreiteten Lehrbuch „Geschichtliche Weltkunde“ aus dem Jahr 1980 12 wird sogar ganz explizit unter dem Unterkapitel „Vernichtungskrieg“ aus dem Buch Bleys zitiert. Der Aufstandbeginn wird zuvor unter dem Stichwort „Hererokriege 1904“ aus einer anderen Schulbuch-Quelle aus dem Jahr 1970 thematisiert: „In Deutsch-Südwestafrika hatten sich die Herero und Hottentotten gegen die deutsche Herrschaft erhoben und ein Blutbad unter den Siedlern veranstaltet.“ 13 Helmut Bley zitierend, wird zunächst der schwierige Feldzug bis zur Schlacht am Waterberg zusammengefasst und auch dessen Bewertung des Kriegsresultates abgedruckt: „Den Herero gelang zwar der Durchbruch, der Fluchtweg wies aber in die wasserlose Omaheke. Die deutsche Verfolgung wurde darauf angelegt, daß die Hererokrieger und –familien in dieser Wüstensteppe umkamen. Wenn auch die totale Vernichtung mißlang...., so war das Ergebnis dieser Kriegführung sowie der Kriegsgefangenenbehandlung, dass von geschätzten 60-80.000 Herero 1906 nur noch 16.000 lebten und damit zwischen 75 und 80 % der Herero umgekommen waren.“ 14 Generationen von Schülern haben sich also spätestens seit 1970 mit dem Herero-Deutschen Krieg und auch mit der These des Vernichtungskrieges auseinandergesetzt, von den weit verbreiteten populärwissenschaftlichen Werken und journalistischen Beiträgen in Presse und Fernsehen zum Thema in den 80er Jahren, insbesondere zum 100. Jahrestag der Gründung des deutschen Kolonialreiches, ganz abgesehen 15. Es fragt sich, wer hier aus einer Amnesie befreit werden muss oder musste? Es kann vor diesem Hintergrund nur geschlussfolgert werden, dass die Epigonen der neuesten akademischen Forschung zur Kolonialgeschichte Namibias in einer nach den eigenen Wunschvorstellungen konstruierten Parallelwelt leben und offenbar jeglichen Bezug zur Realität verloren haben.

‍

I.3 Ideologische Fundamente und Kontinuitätsthese

Während Drechslers Werk unter dem Makel der kommunistischen Geschichtsphilosophie steht und im DDR-Staatsinteresse verpflichtend antikolonial und antiimperialistisch zu wirken hatte, entstand das von Eckl nicht eingehender besprochene Werk Bleys von 1968, in dem er sich allerdings nur am Rande mit dem Krieg von 1904 beschäftigt, in der Hamburger Hochburg der APO und Studentenrevolten. Das Buch Bleys entspricht ganz dem Zeitgeist der Historiker der 68er Generation, der sich der Abrechnung mit der konservativ-traditionellen unkritischen deutschen Historiographie verpflichtet sah und reiht sich in den Kontext des Historikerstreit um Fritz Fischers damals enthüllendes, heute durch die vergleichende internationale Forschung weitgehend widerlegtes Werk „Griff nach der Weltmacht“ ein.

Berücksichtigt man aber diese politisch-ideologischen Einflüsse, die den Inhalt dieser wissenschaftlichen Publikationen von Drechsler und Bley prägen, können diese Werke aufgrund ihres neuen Quellenmaterials und ihrer provozierenden Thesen für die Forschung zum Herero-Deutschen Krieg als bahnbrechend und grundlegend bewertet werden.

Der neuesten Forschung wäre nun die Aufgabe zugekommen, die Thesen und Quellen dieser beiden Pionierarbeiten zu überprüfen, zu ergänzen oder zu revidieren. Statt dessen aber wurde zunächst das Werk von Drechsler 1996 16 mit dem tendenziös-programmatischen Titel „Let us die fighting“ ins Englische übertragen. Die Kriegführung der Herero wird durch diesen unkritschen Titel zum „heldenhaften Opferkampf“ stilisiert !

Der absolute Stillstand der neuesten akademischen Forschung wird dadurch bestätigt, dass man sich offenbar darin gefällt, das propagandistische englische Blaubuch von 1918 mit dem auch auf die moderne Historiographie trefflich anzuwendenden Titel „Words cannot be found“ 17 in einer unkritischen Edition neu herauszugeben (Eckl, S.20). Der „Wert“ dieser Neuauflagen liegt lediglich in der Legitimation veralterter Denkmuster. Deutlicher kann eine Bankrotterklärung dieser sich als „modern“ aber de facto rückwärtsgewandten und sich in englischer Kolonialpropaganda bzw. marxistisch-antiimperialistischer Ideologie verirrenden Geschichtsforschung kaum ausfallen.

Auf Archivforschungen und neuen Quellen beruhende akademische Publikationen zu diesem „umstrittenen Kolonialkrieg“ sind dagegen jedoch Mangelware geblieben (Eckl, S.24). Um so mehr müssen sich die modernen Fachhistoriker fragen lassen, was sie mit ihren Arbeiten zum Erkenntnisgewinn in Hinsicht auf dieses komplexe Forschungsgebiet eigentlich beigetragen haben, seitdem die ideologischen Blöcke in den 90er Jahren zerbrochen sind.

Nach zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen auf deutschem Boden sowie dem Zusammenbruch von zwei menschenverachtenden Weltanschauungen hätten insbesondere deutsche Historiker zwingend erkennen müssen, daß sich Geschichtsschreibung niemals wieder im Dienst einer Ideologie gleichschalten darf. Statt dessen setzen sie eine „politisierte akademische Tradition fort“, als deren Charakteristika Blindheit für die Geschichte und mangelnde Ehrfurcht vor der Vergangenheit erscheinen: Geschichtliche Ereignisse werden nicht mehr in ihrem jeweiligen historischen Kontext eingeordnet, sondern aus unserer Zeit heraus einer Wertung unterzogen. Die Chance auf einen konstruktiven Neuanfang in der Historiographie der Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika wurde vertan.

Die neueren Veröffentlichungen zu diesem Thema tragen dementsprechend wenig bis gar nichts zum Erkenntnisgewinn bei, sondern rezipieren und behaupten zugespitzt nur das, was ohnehin schon von ihren Vorgängern seit 1966 in extenso postuliert worden war: „Die Deutschen begingen 1904 den ersten Völkermord in der Geschichte“. 18 Das eigentlich Neue ist die problematische Rückprojektion vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte: Der angeblich genuin deutsche Vernichtungswille und die somit suggerierte Epochenunabhängige „Begabung“ der Deutschen für das Verbrechen des Völkermordes hätten sich demnach erstmals im Herero-Deutschen Krieg gezeigt und in einer direkten Verbindung den Holocaust und den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion vorweggenommen. Aus explizit germanozentristischer Perspektive wird eine direkte Linie von dem deutschen militärischen Vorgehen gegen die Herero zu der nationalsozialistischen maschinellen Ausrottungs- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg gezogen.19

Die Historikerin Susanne Kuss, die die deutsche Kriegführung im Boxeraufstand nun sogar mit dem militärischen Vorgehen der Schutztruppe in Südwestafrika in einer historischen Kontinuität stehen sieht, vertritt die nicht minder absurde These, die deutsche Kolonialkriegführung hätte sich durch einen transkontinentalen Sonderweg besonders expliziter Grausamkeit ausgezeichnet. 20 Es versteht sich von selbst, dass die Vertreter dieser germanozentristischen Forschungsrichtung es für unnötig erachten, die Kolonialkriegführung der europäischen Mächte vergleichend zu analysieren. Dies würde zwangsläufig den Blick erweitern und relativieren. Darauf hat schon der französische Wissenschaftler Henri Brunschwig 1960, als die DDR-Wissenschaft diese bis heute fortwirkende tendenziöse Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit begründete, vergeblich hingewiesen.21

‍

I.4 Quellenmanipulation als probates Mittel akademischer Geschichtsschreibung

Nun wäre zu erwarten gewesen, dass die veralteten, jetzt als neu „verkauften“ Thesen der akademischen Historiographie auch mit Fakten und neuen Quellen untermauert werden, die eindeutig aufzeigen, wie effektiv die angeblich spezifisch deutsche Vernichtungsmaschinerie schon 1904/05 im Herero-Deutschen Krieg funktioniert hat. Da dies offenbar nicht ausreichend der Fall ist, wurden, wie Eckl minutiös und stimmig nachweist, Quellen durch Auslassungen in skandalöser Art und Weise tendenziös manipuliert (vgl.: Eckl, S.32-40).

Insbesondere der Historiker Jan-Bart Gewald scheint keine Skrupel zu haben, Quellen zum Herero-Deutschen Krieg zu verfälschen, um das Zerrbild einer grausamen, entmenschlichten in ihrem Vernichtungswillen „typisch deutschen“ Schutztruppensoldateska, die als Vorläufer des skrupellosen inhumanen nationalsozialistischen Regimes erkannt werden soll, zu „zelebrieren”.

Deutsche Hinterlist bei Friedensverhandlungen erweist sich bei genauerer Betrachtung der vollständigen Quelle als Märchen des Historikers Gewald. Liest man die Quelle ohne Auslassungen stellt es sich so dar, dass die Herero durch feindselige Handlungen die Friedensverhandlungen zum Scheitern brachten und infolgedessen erhebliche Verluste im darauf entstehenden Gefecht zu beklagen hatten (Eckl, S.38f.).

Das Massaker an einer Herero-Familie als intendiertes Beispiel für besondere deutsche Grausamkeit wird als tatsächliches Verbrechen der Witbooi-Hilfssoldaten vom Volk der Nama entlarvt (Eckl, S.32). Nicht von ungefähr wird der enorme Antagonismus zwischen Witbooi-Nama und Herero gern in den „aufklärerischen-akademischen“ Werken der modernen Forschung unterschlagen, weil dieses Bild der sich in diesem konkreten Fall gegenseitig bekämpfenden afrikanischen Ethnien nicht in das simplifizierende Bild vom „Rassenkampf“ der weißen deutschen Täter gegen die zur kollektiven Einheitsmasse degradierten schwarzen afrikanischen Opfer passt 22. Die skandalöse Verfälschung der Zitate entspricht diesem konstruierten und tendenziösen Geschichtsbild.

‍

II. TAGEBÜCHER AUS DEM HERERO-DEUTSCHEN KRIEG

II.I. Der Wert unverfälschter Quellen

Wie Eckl (S.24-40) aufzeigt, werden die altbekannten zweifelhaften Quellen unisono unkritisch kolportiert, abgeschrieben oder sogar eigenhändig tendenziös manipuliert. Die Grundlagen jeglicher Interpretation, die kritische Quellenanalyse, wird außer Kraft gesetzt. Mutmaßungen treten an die Stelle von Fakten. Neue Quellen werden nicht präsentiert, so dass sich in dieser Hinsicht die Protagonisten der modernen Kolonial-historiographie ein Armutszeugnis ausstellen.

Hier gewinnen die von Eckl herausgegebenen Tagebücher an Wert, denn auch wenn sie den Krieg nur ausschnittsweise aus der Sicht zweier deutscher Offiziere der Schutztruppe zeigen, handelt es sich um neue Quellen aus erster Hand. Auf den ersten Blick erscheint der Informationsgehalt gering. Militärisch knappen aber prägnanten Eintragungen des Ritter Franz von Epp stehen die ausführlicheren Stimmungsbilder des sich selbst als „Globetrotter“ inszenierenden Sanitätsoffiziers Hillebrecht gegenüber.

Auch wenn bemängelt werden kann, dass eine Interpretation der Texte nicht erfolgt und die Einführung, die die geschilderten Defizite der aktuellen Historiographie aufzeigt, nur sehr lose mit den Tagebüchern verbunden sind, muss man festhalten, dass die zentrale Auslegung der Tagebücher durch das Titelzitat „ S’ ist ein übles Land hier“ aus dem Tagebuch Hillebrecht bereits auf den Punkt gebracht worden ist. In den Unmutsäußerungen Hillebrechts (vgl. S.106, 127, 187) spiegelt sich das Wesentliche der beiden Texte: Die negative menschliche Empfindung, einer lebensfeindlichen Landschaft und bedrohlichen Kriegssituation ausgeliefert zu sein. Zugleich impliziert das Zitat auch Kritik an der verfehlten deutschen Kolonialkriegführung.

Die fehlende Interpretation und der nicht existierende Anmerkungsapparat entsprechen offenbar der Absicht Eckls, die Quellen unverfälscht und ohne jegliche Wertung dem mit der Materie vertrauten mündigen Leser zur eigenverantwortlichen unvoreingenommenen Interpretation anzuvertrauen. Hier liegen Originaltexte vor, die nicht durch die vorgeblich aufklärerische moderne Historiographie verfälscht werden konnten. Der Fingerzeig ist deutlich: Der Weg zum Verständnis und zur Deutung des „umstittenen Kolonialkrieges“ muss zurückführen zu den Wurzeln der historischen Forschung. Die Erschließung neuer Quellen und die exakte Quellenanalyse wird sich als fruchtbarer erweisen, als der Irrweg in die Ödnis ideologisch aufgeladener tendenziöser Geschichtszersetzung (vgl. Eckl, S.40-44).

‍

II. 2. Desolate Kriegführung der Schutztruppe

Inhaltlich entfalten diese Tagebücher ihre größte Wirkung, wenn ihre Autoren auf die Kampfgeschehnisse und die Kriegführung zu sprechen kommen. Aus der Lektüre ergeben sich erstaunliche Erkenntnisse. Die Organisation der Schutz-truppe erweist sich als desolat. Das Transportwesen funktioniert nicht; die medizinische Versorgung ist katastrophal. Aufgrund mangelnder Landeskenntnis und unzureichendem Kartenmaterial irrt die Schutztruppe oft ziellos umher (v. Epp, S.245, S. 249, S. 258). Die ganze Logistik ist, so man den Tagebuchschreibern glauben darf, ein Chaos. Zudem schafft die Zusammensetzung des Offizierskorps gewaltige Probleme. Den im Schutzgebiet seit längerer Zeit ansässigen als „alten Afrikanern“ bezeichneten erfahrenen Soldaten stehen oftmals ungeeignete „forsche“ aus dem Reich herantransportierte Offiziere oder auf Rehabilitierung drängende Soldaten mit mangelnder Geländekenntnis und ungenügender Ausbildung für den Buschkrieg gegenüber (S. 206, S. 273).

Als charakteristisch für diesen unfähigen von sich selbst maßlos überzeugten Soldaten-Typus wird Oberst Deimling geschildert, späterer Oberbefehlshaber im Nama-Krieg, der von seinen Soldaten aufgrund seiner verlustreichen Kriegführung den inoffiziellen Beinamen „Das Kreuz des Südens“ verliehen bekam (S. 204f.). Hillebrecht nennt ihn sogar „ein kolonial-militärisches Rindvieh“ (S.164). Deimlings blinder Aktionismus brachte seinen Einheiten enormen Verschleiß an Mensch, Pferden und Material bei. Seine bornierte militärische Führung bewegte sich kontinuierlich am Rand einer Katastrophe. Über Deimlings militärisch gescheiterte Unternehmung nach der Schlacht am Waterberg schreibt v. Epp: „Franke war Oberst Deimling als landeskundiger Berater beigegeben. Dieser ließ sich aber nicht beraten“(S.290). So erklärt sich auch folgerichtig die nächste Eintragung: „Den Rückmarsch nach d. Verfolg. d.13. [August 1904] bezeichnete Franke als ein vollständiges Desaster“ (S.291). Auch bei Hillebrecht findet sich fortlaufend Kritik an Deimling, dem „Mann dazu, seine Leute kaputt zu machen“ (S.131) und an seiner von „unsinnigsten Entschlüs-sen“ (S.143) geprägten Kriegführung, die er als „wüste unnötige Deimling Hetzerei“ beschreibt (S.115).

Große Verluste an Pferden, infolge Wassermangels, sind die Folge der desolaten Kriegführung der Schutztruppe (S.275).

Eine Verfolgung der Herero kann unter diesen Umständen kaum effektiv gelingen.

Mit beißendem Spott und schwarzem Humor konstatiert Ritter Franz von Epp in zahlreichen Vermerken fortlaufend die mangelnde Organisation bei dem Vormarsch zum Waterberg und antizipiert somit auch das militärische Scheitern des deutschen Feldzugs: „Es ist eine Schande, wie wenig für Landesaufnahmen geschehen ist u. wie wenig Kenntnis v. Lande in großen Strecken vorhanden ist.“ (S.244); „Man scheint im Hauptqu. nicht recht zu wissen, was man will.“-„Die Truppen bleiben unfertig, die Gefechtsstärken gering. Nach den hierher kommend. Erzählungen scheint „hinten“ wo die neuen Truppenteile gebildet werden ein gehöriger Wirrwar zu herrschen.“(S.245).- „Der Etappenfuhrpark scheint also noch auf jämmerlichem Stand zu sein“ (S.265).

Den Zusammenbruch der deutschen Versorgungslinien während der Verfolgung der Herero nach den Kämpfen am Waterberg kommentiert v. Epp am 23.9. 1904 mit scharfer Ironie: „Beruhigende Bekanntgabe, daß das Verpflegungssystem vollkommen zusammengebrochen ist“ (S.281). Die Kritik an der unzureichenden Kriegführung und dem gescheiterten Feldzug der deutschen Schutztruppe kulminiert schließlich in v. Epps am 2.11.1904 formulierten bitteren Rückblick auf den gescheiterten Feldzug gegen die Herero: „Mehr und mehr festigt sich bei mir die Überzeugung, wir hätten in einem Burenkriege eine schauderhafte Blamage erlitten (S.291).“ Die Herero waren der desorganisierten deutschen Schutztruppe durch ihre Landeskenntnis und bessere Aufklärung weit überlegen (v. Epp am 31.5.1904: „...über unsere Bewegungen sind die H. dauernd auf dem Laufenden.“). Es finden sich auch Hinweise der deutschen Aufklärung, dass die Herero ihre Fluchtwege bereits vor der Schlacht am Waterberg vorausschauend festgelegt hatten (v. Epp: S.246f [17./18.Mai]), S.252 [31.Mai]).

Auch die Kriegführung der Herero und Witbooi-Nama ist ein Thema der Tagebücher. Man erfährt, dass keine deutschen Gefangenen gemacht wurden (Hillebrecht, S.158), dass die Herero deutsche Abzeichen für die mit der Schutztruppe „verbündeten Eingeborenen“ fälschten und erfolgreich zur Täuschung der Schutztruppe einsetzten (Epp, S.238). Die Realität einer unbarmherzigen Kriegführung beider Seiten wird somit angedeutet. Der Mythos vom „Rassenkrieg“ 23 und von der Einheit afrikanischen Widerstands wird in beiden Tagebüchern gründlich widerlegt. Witboois, Bastards und Damara beteiligen sich als deutsche „Kampfgenossen“ (Hillebrecht, S.149) an der Bekämpfung der Herero in Aufklärung und Gefecht (z.B. S. 239, S. 242, S. 261f.). Die San der Kalahari werden von Hillebrecht als potentielle Gegner der flüchtenden Herero angesehen (S.110). Ein verdrängtes Kapitel namibischer Geschichte, dessen kritische und umfassende Aufarbeitung noch immer aussteht.

‍

II. 3. Gescheiterte Verfolgung: Die Flucht der Herero

Genuin deutsche Vernichtungsmentalität lässt sich aus den Tagebucheintragungen nicht herauslesen. Dies muss aus der akademischen Rückprojektions-Perspektive kontinueller deutscher Vernichtungspolitik vom Kaiserreich bis zum Zusammenbruch des dritten Reiches erstaunlich anmuten, da doch gerade Franz Ritter von Epp, später Reichskolonialbundführer im NS-Staat, als Person stellvertretend für diese These angesehen werden muss. Nun wären doch bei diesem „Kolonialkämpfer“ zur Bestätigung der Genozid-Kontinuitätsthese pränationalsozialistische Denkmuster geradezu zwingend zu erwarten gewesen.

Statt aber begeistert den in seinen Aufzeichnungen nicht zu verortenden Genozid am Hererovolk gut zu heissen, entlarvt v. Epps Tagebuch die verantwortungslose Unfähigkeit und Orientierungslosigkeit des Oberkommandos mit beißendem Spott „Das Kdo. hält es auf einmal nicht für ausgeschlossen, daß die H.[ereros] uns angreifen. Welcher Umschwung !“. Das von der Reichsregierung und v. Trotha erlassene Verbot zu Friedensverhandlungen mit den Herero-Führern lehnt er in deutlich distanzierter Formulierung ab: „Dies war, wie mir scheint, im vorliegenden Fall nicht zweckmäßig“ (S.266).

Was erfahren wir nun aus den Tagebüchern konkret über die „Vernichtung“ der Herero in der Omaheke und Kalahari? Ein kriegsentscheidender Schlag ereignet sich nicht mehr. Die Hoffnung, eine große Entscheidungsschlacht mit einem deutschen Sieg zu beenden, hat sich am Waterberg nicht erfüllt.

Von dem enormen Erfolgsdruck, unter dem die Schutztruppe und deren Oberkommando seit Beginn des Krieges stand, berichtet v. Epp (S.264) während des Anmarsches zum Waterberg: „Der Waterberg - fast mysteriös geworden, seit 4 2/3 Monaten wird von ihm gesprochen u. dem Entscheidungskampf der dort fällt [...].“

Am Waterberg erfüllt sich diese herbeigesehnte „selffulfilling prophecy“ jedoch nicht. So vermerkt v. Epp, ummittelbar nach den Kämpfen, am 17.8.1904 (S.269): „Ärger, daß der Schlag nicht geglückt ist u. der Krieg vielleicht noch Monate, vielleicht noch 1 Jahr hinziehen wird.“ Am 6.9. (S.277) der nächste Rückschlag: „Es scheint, dass das Vernichtungsmanöver zum 2. Mal mißglückt ist, wegen fehlender Leitung.“ Am 30.9.04 (S.284) notiert er über die Verfolgung der Herero „Die Jagd war wieder vergeblich.“

Hillebrecht berichtet ähnlich über die schwierige Verfolgung: „haben wir sie ständig verfolgt, ohne sie mit unseren schlappen Pferden kriegen zu können.....und sie sitzen jetzt teilweise in Ganas, östlich von uns, durch eine 100 km lange Durststrecke von uns getrennt. Wie wir die wasserlose Strecke überwinden werden, ist mir schleierhaft; jedenfalls setzt es enorme Verluste dabei, zumal unsere Leute infolge der Strapazen Typhus, Ruhr, Tropenherz auch nicht mehr recht widerstandsfähig sind.“(S.108).

Die Verfolgung des Gegners ist mit wenigen Ausnahmen, wo man verstreute Hererogruppen noch mit Artillerie erreichen kann, längst gescheitert. Das Bild des fortlaufend den Deutschen enteilenden, schwer greifbaren Gegners dominiert die Aufzeichnungen. Kämpfe finden kaum statt (Hillebrecht, S.178, S.247). Über die großen Verluste, die die Herero an Mensch und Vieh in der Kalahari zu beklagen hatten, wenn es den Deutschen einmal gelingt, sie einzuholen, gibt auch Hillebrechts Tagebuch eine Ahnung. So schildert er, dass es am 10.10.04 unweit von Rietfontein gelang, „den abziehenden Stamm Tjetjos an einigen kleinen Wasserlöchern noch einmal zu fassen, ihm sämtliches Vieh (500 Stück, an 1000 waren vor Durst krepiert) abzunehmen und ihn durch Artillerie auch noch um etliches Menschenmaterial zu vermindern“ (S. 110).

‍

II.4. Pressezensur, Radikalisierung des Krieges und inszeniertes Kriegsende

Die beiden Tagebuchschreiber üben heftige Kritik an dem enormen Druck, der aus der Heimat erzeugt wird. Da sich Siegesmeldungen nicht einstellen, wird das Oberkommando gezwungen, einen Sieg zumindest zu konstruieren und unter Umgehung jeglicher militärischer Vernunft irgendwie zu erzwingen. Von Trothas Verfolgung der vom Waterberg flüchtenden Herero widersprach angesichts der Erschöpfung der Soldaten und der Pferde, des Materialverschleisses und der unzureichenden Nachschublinien jeglicher militärischer Logik. Der Zusammenbruch des Nachschubs, hohe Verluste und das Ende der militärischen Träume vom grandiosen Sieg waren die logischen Folgen. Hillebrecht (S.182) fasst dies prägnant in einem auf den Krieg rückblickenden Brief zusammen:

Die Zeitungen hetzten, die Steuerzahler im Reich wollten möglichst bald Erfolge in Gestalt riesiger Viehherden und einer Hereromassenstrecke sehen, Berlin drängte, kurz das Resultat ist auf manchen Massenkirchhöfen bei Otjonsonjou, Epukiro, etc., in manchen einsamen Gräbern im Sandfeld zu erblicken und in sehr zahlreichen Pferde- und Ochsengerippen an der Pad.

Eckls Einführung (S.34-38) weist auf die problematische und tendenziöse Interpretation des sogenannten „Vernichtungsbefehls“ des Generals von Trotha vom 2.10.1904 durch die moderne Historiographie hin und spricht sich für eine differenzierte Wahrnehmung aus.

Die hier veröffentlichten Tagebücher bestätigen, dass die Deutung der Proklamation v. Trothas weitaus komplexer ausfallen muss, als sie allein auf die simple Formel eines „Aufrufs zum Genozid“ zu reduzieren. Eine ausschließlich textimmanente Interpretation ohne Berücksichtigung des historischen Kontextes trägt wenig zum Verständnis bei. Welchen Beitrag leisten nun konkret die Tagebücher zu dieser Kontroverse?

Von Epp, der sich als kritischer Beobachter erweist, misst diesem Aufruf v. Trothas keine Bedeutung zu, sondern sieht die Aktionen v. Trothas als Teil einer Farce, die das Scheitern der Schutztruppe verdecken soll.

So schreibt er (S.284) über die Begleitumstände der Proklamation, an deren Sinn und Zweck er ganz offenbar Zweifel hegt, lapidar: „Theatralische Erhängung v. 2 gefangenen Herero. Verteilung eines ungedruckten Ukas, daß für die Herero kein Platz mehr in deutschen Landen, Entsendung der 30 in alle Winde.“ Der Zusatz „Im Übrig. vergl. Zeitungen.“ lässt vermuten, dass die deutsche Presse anwesend ist und der „Vernichtungsbefehl“ in den Kontext der großen Propagandaaktion zur Rettung des Rufes des unbesiegbaren deutschen Soldatentums beitragen soll. Zu der deutschen Pressezensur, die das Scheitern des Krieges gegen die Herero verschleiern soll, äußert v. Epp: „Die offizielle Berichterstattung wird dann noch die einzige sein, Prost Mahlzeit“ (S.291). Auch Hillebrecht bestätigt, dass in der Presse bewusst ein beschönigendes Bild von den wenig erfolgreichen Kämpfen in Südwestafrika konstruiert wird. Über die tatsächlichen Kriegsberichte schreibt er, dass „dieselben bis zum Kaiser streng geheim gehen.“ (S.164).

Der „Vernichtungsbefehl“ von Trothas muss deshalb aus drei Perspektiven bewertet werden. Er spiegelt, wenn man ihn rein textimmanent auslegt, die Radikalisierung der Kriegführung wider. Diese war spätestens im Vorfeld der Gefechte am Waterberg eingetreten, als es von Seiten der Herero zu einem Massaker an einer deutschen Aufklärungsabteilung gekommen war. Am 6. August 1904 war die Patrouille des Leutnants Freiherr von Bodenhausen von der Kompanie Klein am Osandjacheberg in einen Hinterhalt der Herero unter Führung von Hosea Kutako geraten. Den deutlichsten Bericht über diese gern von der modernen Forschung als „Legende“ heruntergespielte Greueltat der Herero 24, liefert der Kriegsteilnehmer und Augenzeuge Heinrich Meyer:

Hier fielen der Patrouillenführer sowie acht Mann und ein Eingeborenen-Soldat, nur zwei Mann entkamen schwer verwundet. Den Gefallenen raubten die Herero die Waffen und Uniformen und verstümmelten sie, teilweise bei lebendigem Leibe, auf grausamste Weise. Wie ein Arzt der Abteilung Fiedler feststellte, hatte der Offizier einen Schuß durch die obere rechte Brust und einen weiteren ins Kinn erhalten; dann waren ihm Nase und Stirn durch Kirrischläge zertrümmert, beide Augen ausgestochen, der Hals bis zum Wirbel durchschnitten und beide Hände abgehackt worden.

Ähnliche grauenhafte Verletzungen wiesen die Körper der anderen deutschen Soldaten auf. Auch die Leiche des die Patrouille begleitenden Eingeborenen-Soldaten Friedrich war verstümmelt 25.

Dass die Kriegführung der Herero sich nicht an den Gegebenheiten des europäischen Kriegsrechtes orientiert hat, dürfte außer Frage stehen. Ob es sich bei diesem Massaker nur um eine Ausnahme gehandelt hat, oder ob es charakteristisch für die Kriegführung der Herero gewesen ist, darüber liegt leider ebenso wenig eine erschöpfende Studie mit exakten Nachweisen vor, wie über die vorgebliche „genozidale Kriegführung“ der Schutztruppensoldaten. Zentrale Bedeutung kommt den Greueltaten an der Abteilung von Bodenhausen dennoch zu, da v. Trotha seinen „Schießbefehl“ damit rechtfertigt, daß die Herero „verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten“ hätten. Dieser Passus trug der Empfindung der Schutztruppe Rechnung, denn die „Erinnerung an die verstümmelten und geschändeten Leichen gefallener Kameraden“ hat die deutschen Soldaten bei ihrer Verfolgung der Herero nach den Gefechten am Waterberg bis in die Omaheke begleitet. 26 Die Bedeutung dieses Traumas der Schutztruppe für die damit zusammenhängende Radikalisierung des Kriegs gegen die Herero schildert treffend der Historiker Nuhn:

Die Nachricht von dem grauenvollen Geschehen vom 6. August machte blitzschnell die Runde in allen deutschen Abteilungen und löste Erbitterung und Wut bei der Truppe aus. Mit noch größerer Härte und Gnadenlosigkeit wurde jetzt gegen die Aufständischen vorgegangen. 27 Macht man sich den geschichtlichen Kontext der Entstehungszeit des Aufrufes an das Volk der Herero bewusst, erscheint er vor allem als ein Dokument der Hilflosigkeit. Diese Proklamation wäre wohl kaum ausgesandt worden, falls die völlig überforderte Schutztruppe die ständig enteilenden Herero hätte erreichen können. Der Aufruf v. Trothas ist somit vor dem Hintergrund der verlustreichen, aber letztendlich erfolgreichen Flucht der Herero als ein Zeugnis des Scheiterns anzusehen. Die Proklamation ist zudem ein Zugeständnis an den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit im Deutschen Reich. Als Propagandainstrument dient der Aufruf v. Trothas dazu, in Deutschland die Botschaft zu verbreiten, dass die Herero geschlagen und der Krieg nahezu beendet ist. Die martialische Proklamation ersetzt für den deutschen Generalstab somit den verpassten Sieg am Waterberg und entspricht den durch die Zensur geschönten Pressemitteilungen über den ungünstigen Kriegsverlauf in Deutsch-Südwestafrika. 28

‍

Schlussbemerkung

Zu der Frage, ob sich in der deutschen Kolonie Südwestafrika der Jahre 1904/05 ein Genozid nach der von Zimmerer in dieser Frage für maßgeblich erachteten rückprojezierenden UNO-Definition von 1948 (!) ereignet hat (vgl. Eckl, S..15) oder ob nur ein „normaler Kolonialkrieg“, - was immer man auch darunter verstehen möchte -, stattgefunden hat, bezieht Eckl in seiner Einführung keine Stellung. Angesichts der vielen offenen Fragen und beschämenden Verfälschungen erscheint dies momentan gar nicht möglich.

Dies ist auch völlig irrelevant, solange die fundamentalen Grundlagen der Geschichtswissenschaft durch Quellenverfälschung und ideologisch aufgeladene Tendenziosität, die jegliche konstruktiv-sachliche Diskussion im Keim ersticken, außer Kraft gesetzt sind.

Solange keine neuen Quellen in Archiven und mündlichen Überlieferungen in Namibia und Europa gesucht, gefunden und einer exakten Quellenanalyse unterzogen werden, wird die Diskussion um den Herero-Deutschen Krieg keine fruchtbaren Ergebnisse liefern können. Solange es zu keiner sachlichen Auseinandersetzung zwischen den angeblich „aufklärerischen“ akademischen Historikern und den vermeintlich „kolonial-apologetischen“ Forschern kommt, wird eine objektive, verlässliche und somit wertvolle Aufarbeitung des Herero-Deutschen Krieges eine Illusion bleiben.

Darüber hinaus sollte aus ethno-historischer Perspektive endlich eine intensive Erforschung der komplexen intertribalen Beziehungen der Herero während der Kolonialzeit erfolgen. Wer waren die unterschiedlichen Stammesführer? Was erzählen uns ihre oft erstaunlich gebrochenen Biographien 29 über ihr Verhältnis zur deutschen Kolonialmacht? Wie einheitlich verhielten sich die Herero-Oberhäupter vor, während und nach der Schlacht am Waterberg?

Eine tendenziös-undifferenzierte Geschichtsschreibung, die die Herero zur entpersonalisierten Einheitsmasse von „opferbereiten Widerstandskämpfern“ unter Führung Samuel Mahareros verklärt, wird kaum der historischen Wirklichkeit auch nur entfernt gerecht werden.

Eckls Veröffentlichung der Tagebücher von zwei Schutztruppensoldaten ist ein erster Schritt zu einer wirklich neuen, den Blick erweiternden verdienstvollen exakten Forschung.

Festzuhalten bleibt und dies ist der eigentliche Verdienst von Eckls wegweisender Publikation: Die sich als „seriösaufklärerisch“ verstehende Historiographie zum Herero-Deutschen Krieg hat sich durch eindeutige Quellenverfälschung ein Armutszeugnis ausgestellt. Ihre willkürlich konstruierten „Erträge“ verkümmern im Niemandsland einer unseriösen unwissenschaftlichen Geschichtsforschung.

‍

Erstveröffentlichung in:

"Nachrichten" der Wissenschaftliche Gesellschaft Swakopmund, Namibia 2/2006, Jahrgang 38, S. 24-42. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Sam-Cohen-Bibliothek / Gesellschaft für wissenschaftliche Entwicklung, Swapokmund/Namibia.

‍

__________________________

1 ECKL, Andreas: Herrschaft, Macht und Einfluß. Koloniale Interaktionen am Kavango (Nord-Namibia) von 1891 bis 1921 (History, Cultural Traditions and Innovations in Southern Africa, volume 20.). Köln 2004.

2 ECKL, Andreas E.: „S’ ist ein übles Land hier“. Zur Historiographie eines umstrittenen Kolonialkriegs. Tagebuchaufzeichnungen aus dem Herero-Krieg in Deutsch-Südwestafrika 1904 von Georg Hillebrecht und Franz Ritter von Epp. Rüdiger Köppe Verlag Köln 2005. (Editors: Michael Bollig and Wilhelm J.G. Möhlig. History, Cultural Traditions and Innovations in Southern Africa, volume 22).

3 Vgl.: ZIMMERER, Jürgen: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid. In: ZIMMERER, Jürgen/ZELLER, Joachim (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003. S.45-63.

4 Siehe Jan Bart GEWALDs Veröffentlichung (A socio-political history of the Herero of Namibia 1890-1923. Oxford/Cape Town 1999.) mit dem unkritischen Obertitel „Herero Heroes“, der die ebenfalls diskussionswürdige Kriegführung der Herero komplett ausblendet. Der Mythos vom „kriegerischen Helden“ oder „heldenhaften

5 Siehe die programmatischen Artikel von ZIMMERER, Jürgen: „Die koloniale Amnesie“. In: Die Tageszeitung, Nr. 7254, 2 Woche, 26. Jg., Ausgabe West, Berlin 10/11.1.2004, S.5 bzw. „Entschädigung für Herero und Nama“. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 06/2005, S.658-660.

6 DRECHSLER, Horst: Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus (1884-1915). Ost-Berlin 1966.

7 BLEY, Helmut: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914. Hamburg 1968.

8 HELBIG; Helga u. Ludwig: Mythos Deutsch-Südwest. Namibia und die Deutschen. Basel/Weinheim 1983.

9 „Alldeutsche Blätter Nr. 12 vom 19.3.1904, S.95.“

10 „Die Zukunft, hrsg. von Maximilian Harden, vom 26.8.1905, S.317.“

11 SCHMID, Heinz Dieter (Hg.): Fragen an die Geschichte. Geschichtliches Arbeitsbuch für die Sekundarstufe I. Band 3: Europäische Weltgeschichte. Frankfurt am Main 1977. S.268 (Kapitel XI: Deutschland in der Weltpolitik-Sicherung des Reiches oder deutsche Weltmacht. /2. Wozu braucht Deutschland Kolonien ? /Q 5: Einsatz von Kolonialtruppen.).

12 DANNER, Wilfried/HUG, Wolfgang (Hg.): Geschichtliche Weltkunde, Band 3: Von den Anfängen der Demokratie in England bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Frankfurt am Main/Berlin/München 1980, S.160 (Kapitel 11. Der Imperialismus-seine Entwicklung und seine Bedeutung./ 4. Die Aufteilung Afrikas.).

13 BORN, K.E.: Von der Reichsbildung bis zum I. Weltkrieg. In: GEBHARDT, B.: Handbuch der deutschen Geschichte, Band 3. Stuttgart 1970 (9. Auflage), S.351.

14 BLEY, Kolonialherrschaft, S.190f.

15 Siehe z.B.: GRAUDENZ,Karl-Heinz/ SCHINDLER, Hans-Michael: Die deutschen Kolonien. München 1984ff. (zahlreiche Auflagen). PETSCHULL, Jürgen/ HÖPKER, Thomas: Der Wahn vom Weltreich. Hamburg 1984 (basierend auf einer mehrteiligen Reihe der Zeitschrift “STERN”); TIMM, Uwe: Deutsche Kolonien. München 1981. Schon sein Roman “Morenga” (München 1978) und die gleichnamige TV-Serie (Regie: Egon GÜNTHER 1983/85), hatten die postulierte “koloniale Amnesie” beendet.

16 DRECHSLER, Horst: Let us die fighting: Namibia under the Germans. London 1981.

17 GEWALD, Jan-Bart/SILVESTER, Jeremy (Hg.): Words cannot be found: German colonial rule in Namibia; an annotated reprint of the 1918 Blue Book. Leiden 2003.

18 Vgl.: ZIMMERER, Jürgen: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid. In: ZIMMERER, Jürgen/ZELLER, Joachim (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003. S.45-63.

19 Wenn man einen kausalen Zusammenhang zwischen Kolonialkrieg und Nationalsozialismus nachzuweisen versucht, erscheint es weitaus plausibler, dass das faschistische Italien Mussolinis, Vorbild des frühen NS-Staats, mit seiner explizit auf Vernichtung (Konzentrationslager, Gas, Massenerschießungen) ausgerichteten Kolonialkriegführung in Lybien (1928-1932) und Abessinien (1935-1936) der ideologisch verwandte Vorläufer der deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg gewesen ist.

20 Vgl. KUSS, Susanne: Deutsche Soldaten während des Boxeraufstandes in China: Elemente und Ursprünge des Vernichtungskrieges, S.165-182. In: KUSS, Susanne/MARTIN, Bernd (Hg.): Das deutsche Reich und der Boxeraufstand (=Erfurter Reihe zur Geschichte, Bd.2). München 2002, S.165-182; KUSS, Susanne: Der Herero-Deutsche Krieg und das deutsche Militär: Kriegsursachen und Kriegsverlauf. In: FÖRSTER, Larissa/ HENRICHSEN, Dag/BOLLIG, Michael (Hg.): Namibia-Deutschland. Eine geteilte Geschichte. Widerstand-Gewalt-Erinnerung. Wolfratshausen/Köln 2004 2004. S.62-77.

21 BRUNSCHWIG, Henri: L’Afrique atlantique. In: La revue historique, 227, janviermars 1962. Paris, S.197-226. Brunschwig liefert hier (S.222-226) eine Rezension zu Helmuth Stoeckers Arbeit „Kamerun unter deutscher Kolonialherrschaft“ und bringt das Dilemma der DDR-Kolonialforschung mit den Worten „ Les historiens de Berlin-Est travaillent en vase close“ und „Les historiens de Berlin-Est publient des documents inédits; mais ils ignorent la bibliographie des questions qu’ils étudient“ auf den Punkt. Ein Vorwurf, der sich ohne weiteres auf die aktuelle Historiographie übertragen lässt. Stoeckers 1960 erschienenes Werk nimmt in Bezug auf die deutschen Kolonialkriege in Kamerun die Argumentation Drechslers von 1966 schon vorweg und darf deshalb als eigentlicher Wegbereiter der modernen deutschen Kolonialhistoriographie bezeichnet werden. Ebenso wie Drechslers Publikationen zu den Herero sind Stoeckers Erträge zu den Duala von großem Einfluss auf die moderne deutsche Kolonialhistoriographie (siehe: ECKERT, Andreas: Die Duala und die Kolonialmächte. Hamburg 1991.).

22 Siehe auch das Werk „Afrikaner unter deutscher Herrschaft“ (Münster 2001) von Jürgen Zimmerer. Der unpräzise Titel hält nicht, was er verspricht. Dieses Werk über die Eingeborenengesetzgebung nach 1907 bezieht sich hauptsächlich auf die Nama und die Herero. Die ethnisch-kulturelle Vielfältigkeit und die Komplexität der interethnischen Beziehungen im kolonialen Südwestafrika sowie die heterogenen Erfahrungen der indigenen Ethnien mit der kolonialen Wirklichkeit (z.B. indirekte Herrschaft bzw. Kollaboration bei den Damara, San, Ovambo, Rehobother Bastards, usw.) werden hier weitgehend ausgeblendet.

23 Siehe z.B.: ZIMMERER, Jürgen: „Wir müssen jetzt krassen Terrorismus üben.“ Von der Unterdrückung zur Ausrottung. Der Krieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika als Erbe der deutschen Kolonialzeit.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.11.2002.

24 Vgl.: KRÜGER, Gesine: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein: Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904-1907 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 133), Göttingen 1999, S.109f.

25 MEYER, Heinrich: Am Waterberg vor sechzig Jahren. In: Mitteilungsblatt des Traditionsverbandes ehemaliger Kolonial-und Überseetruppen, Nr.31, Hamburg, August 1964, S.9. Dass Meyer hier Fakten aus erster Hand liefert, wird durch seine folgende Erklärung über diese „Grausamkeiten“ erhärtet: „Sie sind nach den Aufzeichnungen des Arztes, der bei der Auffindung zugegen war, in mein Tagebuch eingetragen“ (Mitteilungsblatt des Traditionsverbandes ehemaliger Kolonial- und Überseetruppen, Nr.42/43, August/September 1967, S.24). Es passt ins Bild der auf Grundlagenforschung verzichtenden Historiographie, dass weder das Tagebuch bzw. der gesamte Nachlass Meyers, noch das Original des entsprechenden Arztbericht ernsthaft gesucht und ausgewertet worden sind.

26 Meyer, Hans: Am Waterberg vor sechzig Jahren. In: Mitteilungsblatt (siehe Anm. 23), Nr.32, November 1964, S.2.

27 Nuhn, Walter: Sturm über Südwest. Der Hereroaufstand von 1904-Ein düsteres Kapitel der deutschen kolonialen Vergangenheit Namibias. Stuttgart 1989, S.224.

28 Darüber hinaus sollte konkret untersucht werden, inwieweit die mit der Verfolgung der Herero beauftragten Schutztruppeneinheiten Kenntnis von dieser Proklamation v. Trothas hatten. Daran anschließend müsste eine Untersuchung Truppenteil für Truppenteil erfolgen, um zu eruieren, welche deutschen Einheiten konkret diesen Aufruf zur Vernichtung umsetzten. Da Schutztruppenakten nicht mehr vorliegen, das offizielle Generalstabswerk als einseitiges Propagandainstrument des deutschen Militärs zu sehen ist, kann der Weg zur Erkenntnis nur über Tagebücher bzw. Briefe der am Krieg beteiligten Schutztruppensoldaten gelingen.

29 Siehe von Epps Tagebuch-Eintragung vom 24.05.1904 (Eckl, S. 238) über den Herero-Führer Kajata: „Er hat 1896 auf deutscher Seite gefochten u. kennt unsere Fechtweise; er besitzt dafür eine vom Gouverneur verliehene Kriegsdenkmünze am schwarz-weißen Band u. hat 1898 einen Ehrensäbel erhalten. (In Berlin war er auch.)[...]."

‍

Inhalte sind urheberrechtlich geschützt!