Sonstiges
Heute wissen nur wenige etwas mit dem Begriff Vivat-Band anzufangen. Die große Zeit dieser schmückenden Fest- und Feierbänder ist längst vorüber. Im 18.Jahrhundert war dies anders. Schon seit der Zeit Friedrichs des Großen war es durchaus üblich, daß man zu Anlässen besonderer Ereignisse an der privaten Kleidung eine Art Festband trug. Diese Ereignisse konnten privater, staatlicher oder allgemein öffentlicher Natur sein. Der Begriff „Vivat!“ bedeutet „Es lebe..“ kann aber in der Bedeutung als allgemeiner Freudenausruf verstanden werden. Die Bänder zwischen 3 und 12 cm Breite wurden an der Kleidung angebracht, obwohl man sich das bei Längen bis zu 3 Metern kaum vorstellen kann. In der Regel waren die bemalten oder bedruckten Bänder nur um die 30 cm lang und leicht an der Kleidung anzustecken. Unerlässlich war ein kurzer, dem Anlass entsprechender Sinnspruch (möglichst in gereimten Versen), der durch ein Bild ergänzt werden konnte. Diese Bilder konnten Portraits, Wappen, allegorische Figuren, militärische Symbole oder anderes sein.
Wie kann man sich das vorstellen? Nach einem großen Sieg des Landesvaters wurde dieser durch ein Festband gewürdigt, das der Patriot sich an die Jacke steckte. Oder der Familienpatriarch feiert den 75.Geburtstag und die Feiergesellschaft trug ein Band mit dem Antlitz des Herrn und einem Sinnspruch darunter, das sein Leben würdigt. Größere Auflagen, die gewerbsmäßig bedruckt und verkauft wurde, waren in der Regel aus Seide. Private Bänder aus dem, was sich gerade anbot.
Spätestens Mitte des 19.Jahrhunderts waren sie aus der Mode gekommen. Bis sich ein eifriger Sammler ab 1885 genauer mit dem Thema befasste. Der Geheime Regierungsrat Gustav Gotthilf Winkel (1857-1937) bekam in seiner Studienzeit einige dieser Bänder in die Hände und stieg so tief in das Thema ein, daß man ihn später als den „Vivat-Winkel“ bezeichnete. Damals tauchten die Bänder noch laufend in Nachlässen oder öffentlichen Sammlungen auf, wobei die Besitzer nicht immer wussten, was sie da hatten. Winkel konnte über 500 Bänder nachweisen und veröffentlichte in der Folge viele Artikel zum Thema, wobei sich sein Wissensstand durch Rückmeldungen darauf stetig vermehrte. Sein größter Coup war dann 1913 die Reaktivierung dieser verlorenen, friderizianischen Sitte, als er zusammen mit dem Verlag Graefe & Unzer 8 Vivatbänder anlässlich des 100.Jahrestag der Befreiungskriege von Napoleon herausbrachte und nicht nur erfolgreich verkaufte, sondern auch sofort Nachahmer fand. Man kann sich kaum vorstellen, was das für einen Triumph für den Sammler dargestellt hat!
Als ein Jahr später der Erste Weltkrieg ausbrach, bekamen die Vivat-Bänder eine weitere Bedeutung als Spendenbelege und Sammelobjekte. Mehrere Verlage in Deutschland und Österreich brachten Serien von Vivat-Bändern heraus, die mit einer Spende zugunsten des Roten Kreuzes verbunden waren. Als deutsche Verlage sind hier vor allem Amsler&Ruthardt, Pernitzsch und Karl Bergmann zu nennen. Diese Serien waren von vorn herein auch als Sammelobjekte gedacht. Es wurden parallel Sammelalben von den Verlagen verkauft, in das Kriegsbegeisterte zu jedem großen Sieg oder heldenhaften Kampf ein neues Band einfügen konnten. Längst waren die Bänder nicht mehr aus Seide, sondern einem billigeren Mischgewebe, das sich auch besser maschinell bedrucken ließ. Die Verlage engagierten teilweise bekannte Künstler für die Grafiken aber die Sinnsprüche wurden zum Leidwesen Winkels zunehmend trivialer. Er favorisierte die Bänder des Amsler & Ruthardt Verlages in Berlin, obwohl er auch nicht mit jeder Ausgabe zufrieden war. Wenig Anerkennung fanden die Bänder aus dem Hause Bergmann, die schon am Gewebe sparten.



Die Liste der beteiligten Künstler ist lang, es finden sich große Namen wie Lovis Corinth, Hans Bohrdt oder Willy Stöwer und viele andere, deren Namen heute weniger bekannt sind. Für den wohltätigen Zweck war man sich nicht zu schade.
Mit dem Ausbleiben großer Siege und sinkender Kriegsbegeisterung wurden keine Bänder mehr verkauft. Viele Alben blieben auf den hinteren Seiten leer… Man kann sagen, daß die Wiedergeburt der Vivat-Bänder somit nur wenige Jahre, nämlich von 1913 bis ca. 1916, andauerte.
Winkel verstarb 1937 und hinterließ seine umfangreiche Sammlung und sämtliche Unterlagen dem Museum Weißenfels. Leider blieb die Sammlung über den 2.Weltkrieg und nachfolgende Verwahrung in der DDR nicht komplett erhalten. Die Sammlung des Museums dürfte aber auch heute noch die größte Deutschlands sein und wird von engagierten Fachleuten bewahrt.
Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem lege ich die Empfehlungen zu weiterführenden Literatur ans Herz.
Die Masse der Vivat-Bänder im Weltkrieg ist naturgemäß zum Kriegsgeschehen in Europa und auf dem Meer erschienen. Für den Kolonialsammler sind gerade mal 7 Bänder interessant:
(Einsteckalbum Vivatbänder aus großer Zeit) 40cm lang, 6,5 cm breit
27) Den Helden von Tsingtau ; Professor Alois Kolb-Leipzig
35) Vivat Tanga - Sieg über die Engländer 3.-5.November 1914 ; Professor August Brömse-Prag
94) Den Verteidigern unserer afrikanischen Kolonien ; Friedrich Kaskeline Deutsch-Süd-Westafrika 25.9.1914 Sandfontein / Kamerun 6.9.1914 Msanakang, 1915-16 Verteidigung der Bergfeste Mora / Deutsch-Ostafrika 3.-5.11.1914 Tanga, 18.-19.1.1915 Jassini, 9.-11.5.1916 Kondoa-Irangi, Okt.-Nov.1916 Ngeminsi.
40cm lang, 6,5 cm breit (anfangs ohne Nummerierung)
Zum Gedenken der tapferen Verteidiger von Tsingtau, Hugo Unger Tsingtau im Deutschen Pachtgebiete Kiautschou in Ostasien nach längerer Belagerung mit sehr großer Übermacht von den Japanern gestürmt und nach heldenhaftem Widerstande am 7.Nov. 1914 von diesen in Besitz genommen.
Vivat Tanga – Grosser Sieg über die Engländer am 3.-5.November 1914 ; Hugo Unger (Bildnis Dr. Schnee, Gouverneur von Deutsch-Ostafrika) Die Reede von Tanga in Deutsch-Ostafrika In der Schlacht bei Tanga wurde die 4fache Übermacht der Engländer von unseren tapferen Kolonialtruppen vollständig geschlagen. Die Engländer dampften mit ihren Schiffen wieder ab und verloren 3000 Mann Gefangene, Verwundete und Tote, 8 Maschinengewehre v.a.m.
(Album „Vivatbänder von dem Weltkriege 1914“) 32cm lang, 5,2 cm breit
16a) Tanga - Sieg über die Engländer 3.-5.November 1914 ; Friedrich Kaskeline
17a) Helden von Tsingtau ; Willy StöwerGedenket der Helden von Tsingtau im fernen Osten. Ein neues Ruhmesblatt für den Geist deutscher Treue bis zum Tode

Bilder der beiden Bergmann-Bänder sind leider trotz intensiver Suche bei vielen Museen und Sammlungen nicht zu finden gewesen. Hier Bilder aus einem der wenigen erhaltenen Kataloge. Zu den Farben ist zu sagen, daß die Bergmann-Bänder lt. Überlieferung ist unterschiedlichen Farben erschienen sind. Das heißt, ein und dasselbe Band gab es in unterschiedlichen Farben.
„Vivatbänder aus alter und neuer Zeit“ Professor Dr. Seidel Kriegsschriften des Kaiser-Wilhelm-Dank, Heft 44, Berlin 1915
„Vivatbänder“ G.G.Winkel Mitteilungen des Verband deutscher Kriegssammlungen e.V., Nr. 4, 1920
„Vivat-Vivat-Vivat!“ Widmungs- und Gedenkblätter aus drei Jahrhunderten Ausstellungskatalog des Museum für Deutsche Volkskunde, Berlin 1985
„Vivatbänder aus dem Museum Weißenfels“ Wilhelm A. Eckhardt Ausstellungskatalog, Schriften des Hessischen Staatsarchivs, Marburg 1992
Sammelalbum Amsler & Ruthardt Europeana.eu
Sammelalbum Bergmann Bene Merenti Auktionen (mit freundlicher Genehmigung)
Sammelalben Innenansicht, Hermann Historica München (mit freundlicher Genehmigung)
Vivatbänder Amsler & Ruthardt + Pernitzsch Tsingtau (Sammlung Schöfert)
Vivatband Tanga Museum Weißenfels (mit freundlicher Genehmigung)
Bergmann Katalogbilder, Deutsches Historisches Museum
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