Waffen
D.O.A.
Neben den legendären Schlachten von Tanga und Mahiwa durchlitt(en) das von der Außenwelt völlig blockierte Deutsch-Ostafrika und allen voran die Angehörigen der kaiserlichen Schutztruppe mehrere blutige Schlachten, so u. a. die von Jassini (Januar 1915), der Durchbruch am Ostkilimandscharo (März 1916) und die Schlacht von Bagamojo (August 1916). Als ich im Frühjahr diesen Jahres von einem befreundeten Sammler den Tip bekam, das in einem Hamburger Keller noch 2 Original-Stahlkisten der Schutztruppe mit Akten und Manuskriptseiten zu Ludwig Boell’s Hauptwerk: „Operationen in Ostafrika“ lagen, nahm meine Herzfrequenz um einiges zu. Ludwig Boell, schriftstellerisch begabt und immer um Sachlichkeit und Exaktheit bemüht, erhielt vermutlich bereits in Deutsch-Ostafrika von Lettow-Vorbeck den Auftrag, die Geschichte des ostafrikanischen Feldzuges zu schreiben. Das 1951 im Verlag Dachert in Hamburg veröffentlichte Werk umfaßt einen Großteil der von Ludwig Boell mühsam zusammengetragenen Fakten. Die überlebenden Offiziere und Unteroffiziere des Feldzuges arbeiteten Boell zu, der wärend des Feldzuges als Oberleutnant und Adjutant des Westbefehlshabers, General Wahle, naturgemäß nicht alle Kriegsschauplätze aus eigenem Erleben kannte. So ist das bei Dachert erschienene Buch ein Gemeinschaftswerk. Alle ehemals geplanten Anlagen des Buches, die mir nunmehr vorliegen, sind aber leider nicht mehr Bestandteil des Werkes geworden, vermutlich aus Finanzierungsgründen, denn sie würden selbst einen ganzen Band füllen. Es ist hochinteressantes Material, sehr systematisch zusammengestellt, so wie es Ludwig Boell gewohnt war, zu arbeiten.

In Hamburg angekommen, betrachtete ich den Fundus. Neben Manuskriptseiten, hunderten von Zeitungsausschnitten aus der Zeit nach dem ostafrikanischen Feldzug, seltenen und weitestgehend unbekannten Kleinschriften waren auch einige der obligatorischen Bücher darunter, die zur Geschichte des Weltkrieges in Deutsch-Ostafrika zwangsläufig gehören. Deren haarsträubende Erhaltung störte mich weniger, als ich die krakligen Randnotizen von Ludwig Boell darin fand. Ludwig Boell wechselte in seinem Leben ein einzigstes Mal seine Handschrift, und zwar im Jahre 1918, als er seine rechte Hand durch eine Infektion in den späten Tagen des Feldzuges verlor. Seine kraklige Schrift stammt folglich aus der Zeit nach der Amputation seiner rechten Hand. Neben seinen Bemerkungen faszinierte mich vor allem eine große Zigarrenkiste mit einer Menge von Originalfotos aus der Zeit des Feldzuges, rückseitig präzise beschriebene Namen, die zum Teil Überlassungen von Kameraden waren, teils völlig unbekannte Fotos, wie etwa der des Major von Langenn-Steinkeller im Kreise von Offizieren in einer Missionsstation nahe Bismarckburg, bereits mit Augenklappe, also nach dem Verlust seines Auges im Jahre 1915. Ludwig Boell verwahrte in diesen Kisten Korrespondenzen von Kameraden, auch aus der Zeit des Feldzuges. Daraus geht u. a. auch hervor, daß findige Kolonialsammler wie der uns bekannte Ostafrikasammler Lerche (Suahelimarken, Witu) Ende der 20’er Jahre, alle noch lebenden Offiziere und Unteroffiziere der Schutztruppe anschrieb, um Kuverts der Briefe aus der Kriegszeit in Deutsch-Ostafrika zu ergattern. Auch General Lademann erkundigte sich bei Ludwig Boell nach Stemopeldaten der Feldpostanstalten u. a. Nach dem Tode des Sohnes von Ludwig Boell war dieser Restnachlaß an seine Schwiegertochter gefallen. Als wir uns in Hamburg lange Zeit unterhielten, schilderte sie mir, wie erdrückend das Thema Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika für alle Beteiligten war. Bei jedem Treffen in der Familie, ob Geburtstag, Ostern oder Weihnachten gab es nur ein Thema: Deutsch-Ostafrika im Weltkrieg. Ludwig Boells Sohn soll durch das immer wiederkehrende Thema völlig genervt gewesen sein. Ich kann diesen übersteigerten Mitteilungsdrang derjenigen gut verstehen, die ihre Jugend, ihre Gesundheit und oftmals auch ihr privates Glück für Deutsch-Ostafrika opferten. Erst später im hohen Alter fand der Sohn dann das Interesse für die Erlebnisse des Vaters … Man stelle sich vor, diese einmaligen Unterlagen – lebendige Geschichte - wäre an einen Trödler gefallen oder gar weggeworfen worden … Soweit mein Vorgeplänkel.
Was war geschehen? Am 11.03.16 wurde ein 10,5 cm-Königsberg-Geschütz beim Kahehügel (Ostkilimandscharogebiet) in Stellung gebracht. Auf beiden Seiten drehte sich das Personalkarussell. Generalmajor Steward wurde durch Brigadegeneral Sheppard als Divisionskommandeur der 1. Division ersetzt. Deutscherseits wurde Major Fischer durch Oberstleutnant Freiherr von Bock abgelöst. Nach dem überlieferten Wutanfall Lettows wegen des geglückten Durchbruchs der South African Rifles an der Nordfront gegenüber Major Fischer, jagt sich dieser eine Kugel durch den Kopf.
Man darf trefflich spekulieren, wie dieses Gesprach verlief, vermutlich stand ein Kriegsgerichtsprozeß in Aussicht. Fischer war unentschlossen, hatte keine eindeutige Informationslage, traf dramatisch falsche Entscheidungen, ruderte zurück, doch der Zusammenbruch der Nordfront war besiegelt. Jeder verantwortliche Befehlshaber hätte Fischer zwangsläufig zur Verantwortung ziehen müssen. Lettow galt bereits damals als überaus unduldasam und schroff. Diese Macherqualitäten werden oftmals als Durchsetzungsvermögen gedeutet. Lettow wurde besonders deshalb von Freund und Feind bewundert, weil ihm der Erfolg hinterher Recht gab. Trotz aller Bewunderung für einen solchen Feldherren, sollte man nicht vergessen, daß Entscheidungen, wie bspw. das Zurücklassen von Verwundeten oder auch Askarifrauen im zwischenmenschlichen Bereich zu Verwerfungen führen mußten. In einem Krieg, zumal einem mit ungleichem Kräfteverhältnis, ist aber kein Platz für einen Diskutierklub und Sentimentalität in der Manier der 68’er. Van Deventers Truppen versuchten am 21.03.16 südl. des Kahehügels den Pangani zu überschreiten. Durch Beschuß mit dem 10,5 cm-Königsberg-Geschütz wurde das bis zum Eintreffen schwerer eigener, brit. Artillerie unmöglich. Smuts Befehl lautete: Pangani durchschwimmen! Um 10:30 Uhr war der Kahehügel im Besitz des Gegners. Den deutschen Truppen blieb nur der Rückzug auf Kissangire übrig, um Schlimmeres zu verhindern. Die Nordfront war vollends in sich zusammengebrochen. Vor dem Abmarsch wurde das Königsberg-Geschütz, da in der Hast nicht transportabel, geprengt.

Der Zufall wollte es, daß ich dieses Geschütz auf meiner diesjährigen Südafrikareise unterhalb des Union Building in Pretoria fand. Auf der Lafette ist ein Messingschild mit folgendem Text montiert: „German Naval gun, Calibra 10,5 cm = 4,1 inches by the 1st. S.A. mounted brigade and 2nd. S.A. infanterie brigade at Kahe E.A. 21st. March 1916“1
Im Boell-Fundus fand ich nun das Gegenstück dazu. Mir stockte im wahrsten Sinne des Wortes der Atem. Eine Original-Akte des „General Headquarters/East African Force“ mit der hsr. Bemerkung: „Navy, account of action at Bagamoyo 15/8/16“. In ihr befinden sich mehrere deutsche Gefechtsberichte zur Schlacht um Bagamoyo, die den Briten in die Hände gefallen sind und jeweils ins Englische übersetzt wurden. Erich Schlieper ist der Ansicht, daß der Übersetzer kein Geringerer gewesen sein kann, als Colonel Richard Meinertzhagen, der gebürtige Deutsche, der im Feldzug der Briten, Chef der brit. Abwehr war. Erich Schlieper begründet das damit, daß der Übersetzer sehr detailgenau beide Sprachen beherrscht haben muß, einschließlich der Fähigkeit des Sütterlin mächtig zu sein. Wie auch immer … Allein die Story ist ein Krimi: Da schreiben deutsche Schutztruppler Gefechtsberichte für ihre Vorgesetzten, diese fallen der brit. Abwehr in die Hände und gelangen über Umwege wiederum in deutsche Hände, um letztendlich im Reichsarchiv unter Leitung Ludwig Boells als Quellenmaterial für die Aufarbeitung des Feldzuges zu dienen. In den Wirren wärend des 2. Weltkrieges nimmt Ludwig Boell Teile dieser Unterlagen vermutlich in seine Obhut, um sie vor der Vernichtung zu bewahren, bis sie dann in einem Hamburger Keller im Frühjahr 2006 erneut entdeckt werden. Soetwas hat etwas Surreales, ist völlig unglaublich und klingt zugegebenermaßen wie ein Märchen!

Boell schildert in seinem Buch nur in groben Zügen die Schlacht von Bagamojo: „Am gleichen Tage (15.08.16 – der Verf.) wurde das durch die 3. Schützenkompanie (SchK) und 2 Geschütze unter Hauptmann von Bock verteidigte Bagamojo von See her durch das Blockadegeschwader angegriffen und genommen, wobei sowohl Hauptmann von Bock als auch Hauptmann d. R. von Bodecker, der Führer der Küstenschutzabteilung fielen, die 3,7 cm Revolverkanone durch einen Volltreffer vernichtet wurde und die 10,5 cm Kanone samt Munition in Feindeshand fiel.“2 Was war nun hier um Bagamojo geschehen? Die Briten setzten schwerste Schiffartillerie ein. In der Dunkelheit, noch vor dem Morgengrauen des 15. August 1916, wurden das Schlachtschiff „Venegance“, der Kreuzer „Challenger“, die Monitore „Mersay“ und „Severn“, der armierte Schlepper „Helmuth“ sowie das Flugzeug-Mutterschiff „Himalaya“ u. a. von der Seeseite gegen Bagamojo in Stellung gebracht.

Hauptmann von Bock erwartete den Angriff und Landungsversuch nördlich der Stadt. Der Gefechtsstärke für die 3. SchK vom 01.01.16 folgend, waren auf deutscher Seite: 17 Europäer, 115 Askari und 139 Hilfskrieger, sogen. Ruga Ruga, unter Hinzuziehung der Polizeiaskari von Bagamojo, eine 3,7 cm Revolverkanone und ein 10,5 cm Königsberg-Geschütz unter dem Kommando von Leutnant Friedrich. Hptm. v. Bock hatte den Hauptteil seiner Truppen nördl. der Stadt samt Revolverkanone zu liegen, nur das 10,5 cm Geschütz lag etwa 400 m südlich der Stadt auf einem Hügel am Strand. Wer das Gelände von Bagamojo aus eigenem Erleben kannt, weiß, daß südlich der Stadt, also südlich des deutschen Friedhofes kaum Deckung aus dem Gelände vorhanden ist. Als die Geschwaderkanonade vor 6:00 Uhr, also noch bei Dunkelheit begann, machte sich schnell Orientierungslosigkeit auf deutscher Seite durch die gefallenen Führer bemerkbar. Die Briten setzten schnell ein Landungskorps südlich der Stadt ab, das zwischen dem Stadtrand und dem Königsberggeschütz eingriff. Mititärisch eine Glanzleistung, leider zum Leidwesen der Schutztruppe. Ltn. Holtz erhielt vom Ostbefehlshaber3 den Befehl, das Detatchment 3 km südlich der Stadt zu sammeln (vergl. die Handschrift auf dem Feldtelegramm des Ostbefehlshabers – es ist die von Looff !)
Nach meiner Südafrikareise und dem Erlebnis mit den 2 Stahlkisten der Schutztruppe aus dem Boell-Nachlaß war mein Interesse an Aufstellung, Verwendung und Verbleib der insgesamt 10 Stck. 10,5 cm Geschützen des Kreuzers Königsberg vollends geweckt. Einen entscheidenen Hinweis fand ich bei Ruhland, der sich allerdings beim Zeitpunkt irrt: „Von den 10 Königsberggeschützen ist nur ein einziges in nicht völlig zerstörtem Zustand in Feindeshand gefallen. In den Kämpfen bei der Besetzung von Bagamojo im Juli 1916 gelang es der Geschützbedienung nicht mehr, die Sprengpatrone zur Sprengung dieses Geschützes anzubringen.“4 Ein guter Ort zum Auffinden von Abbildungen der 10,5 cm Geschütze sowie deren Verbleib ist das Buch von Patience.5
Ich habe den Versuch gewagt, basierend auf Patience, Ruhland und Boell einmal die 10,5 cm Geschütze von SMS „Königsberg“ aufzulisten:

Verlust am:Verlustort:endgültiger Verbringungsort:Quelle:21.03.1916Kahehügel/OstkilimandscharoPretoria/RSABoell, S.17718.05.1916Kondoa-Irangi (Rohrkrepierer)Boell, S.18314.07.1916MuansaKampalaBoell, S.27015.08.1916BagamojoMombasa/FortBoell, S.22118.09.1916TaboraLoepoldville (Kinshasa)Boell, S.285Utengule (Kommentar Boell: “?”)Mahenge (Kommentar Boell: Massassi)Stanleyville (Kisangani)Mahiwa (Westtruppen/Kaltenborn-Stachau)Mahiwa (Westtruppen/Frankenberg)27.10.1917Mahiwa (Kraut/Wenig)Boell, S.377
Michael Falk, ein seltener Gast unserer Berliner Runde, derzeit Perth/Westaustralien, erzählte mir, daß er vor Jahren als Geologe ein Königsberg-Geschütz in einer Kaserne in Sambia, außerhalb Lusakas gesehen hat, das er allerdings nicht fotografieren durfte. Diese Möglichkeit ist bei Patience übrigens nicht erwähnt. Das bei ihm abgebildete und erwähnte 10,5 cm Geschütz von Daressalam/Tanzania wurde am 22.08.1934 verschrottet. Bei den Recherchen zu diesem Artikel waren mir Michael Farrant und Erich Schlieper mit Hinweisen jeder Art behilflich. Ich möchte ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken, besonders für die Erlaubnis hochwertige Stücke aus ihren Sammlungen abbilden zu dürfen, die mir versagt blieben.
Zu erwähnen bleibt noch, daß die Postverbindung ab Mitte bzw. Ende Juni 1916 von Bagamojo recht problematisch gewesen sein muß. In meiner Registrierung verfüge ich neben dem hier gezeigten wunderschönen Brief aus E. Schliepers Slg., der Bagamojo eingehend nicht mehr erreichte (vergl. rs. Bemerkung: „Verbindung unterbrochen“) lediglich über fünf weitere registierte Briefe mit Berliner „16“.

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1 Erstmals erwähnt in „German Guns of World War I in South Africa“ (o. Ort u. Jahr) copy from M. Farrant; s. a. R. Ritter in „Nachrichtenblatt“ des Traditionsverbandes ehem. Schutz- u. Überseetr. Nr. 32 (2002), S. 57
2 Boell: „Operationen in Ostafrika“ (1951), S. 221
3 Das Kommando eines Ostbefehlshabers wurde am 25.06.16 als Bezeichnung für den Kommandanten von Daressalam (Kpt. z. S. Looff) eingeführt; vergl. Boell: „Operationen in OA“, S. 235
4 Oltn. z. S. Ruhland in „Marinerundschau“ Nr. 3/1927, S. 106
5 Patience: „Königsberg – a German East African Raider“, Zanzibar (2001), S. 158 ff.
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