Aufstand
Schwarzafrikas koloniale Vergangenheit ist mit Blut geschrieben: Nur allzu oft entluden sich die Gegensätze zwischen Schwarz und Weiß in blutigen Aufständen der Afrikaner gegen die koloniale Fremdherrschaft. Doch den weißen Eroberern gelang es zumeist, der Erhebungen ohne viel Kräfteaufwand Herr zu werden, denn die Bevölkerung Schwarzafrikas war aufgrund ihrer rassischen, kulturellen und sprachlichen Vielfalt oft in sich zerstritten, so daß es immer nur einzelne Stämme waren, die sich gegen die europäischen Eindringlinge zum bewaffneten Kampf erhoben. Mit einer Ausnahme: Dem Maji-Maji-Aufstand im früheren Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, in den Jahren 1905/06. Dieser stellt – im Gegensatz zu allen anderen Aufständen – die erste geschlossene , quasi nationale Empörung einer Vielzahl afrikanischer Stämme gegen eine weiße Herrschaft in Afrika dar.
Es war kein geringerer als Julius Nyerere, der erste Präsident Tansanias, der die Weltöffentlichkeit auf dieses bedeutsame Ereignis in der Geschichte nicht nur seines Landes, sondern ganz Schwarzafrikas in einer viel beachteten Rede vor der UNO in New York darüber 1956 aufmerksam machte. Nyerere sorgte dafür, daß dieser Freiheitskampf der Vorväter als der erste Meilenstein auf dem Wege des tansanischen Volkes zu „Uhuru“, zur Unabhängigkeit, in der Erinnerung der Menschen des Landes wieder lebendig gemacht wurde. Heute sind die Worte „Maji-Maji“ ein geschichtlicher Begriff für die Einwohner Tansanias. Die Darstellung dieses Aufstandes bildet einen festen Bestandteil im Unterricht an den tansanischen Schulen.
Was aber wissen wir Deutsche noch über diesen uns direkt angehenden Aufstand? Die Antwort lautet: So gut wie gar nichts! Er ist aus dem Geschichtsbewußtsein unseres Volkes verschwunden. In diesem Artikel soll nun diese Tragödie in der deutschen Kolonialgeschichte der Vergessenheit entrissen werden.
Es war in den letzten Monaten des Jahres 1904, als seltsame Nachrichten aus dem Gebiet des Rufiyi-Unterlaufes nach Dar-es-Salaam, der Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas, gelangten: Seit einiger Zeit bewegten sich riesige Pilgerzüge nach Ngarambe, einem Ort in der Matumbi-Bergen, um dort einen Zauberer namens Kinjikitile aufzusuchen. Dieser gebe sich als Mittler zwischen den Menschen und einem Naturgeist namens Bokero aus, der ihm im Rufiyi-Fluß in Gestalt einer Schlange, genannt Kolelo, erschienen sei und ihm eine Dawa, eine magische Medizin, übergeben habe. Diese Medizin, genannt „Maji“ (Kisuaheli-Wort für Wasser), befreie die Menschen, die hiermit besprengt werden, vor allen Sorgen des täglichen Lebens, brächte ihnen Gesundheit und Wohlstand und sorge für Regen. Diese wunderlichen Vorgänge spielten sich keineswegs geheim, sondern „ungeniert vor den Augen der arabischen Akiden“ (Hilfsbeamte der Kolonialverwaltung) ab, auch das Zeremoniell der Taufe mit dem Maji geschehe ohne irgend welche Geheimnistuerei.
Auch im folgendem Jahr, nach dem Ende der Regenzeit, rissen die Wallfahrten zu dem geheimnisvollen Zauberer am Rufiyi nicht ab, doch das Gouvernement in Dar-es-Salaam nahm die Nachrichten gelassen auf: Trotz der ungewöhnlich großen Zahl der Pilger tat man die Vorgänge in Ngarambe als eine friedlich-religiöse Angelegenheit ab, man hatte wahrscheinlich andere Sorgen, als sich den Kopf über seltsame, abergläubische Negerbräuche zu zerbrechen. Unruhen oder gar ein Aufstand großen Stils in der Kolonie, und das bei der ewigen Zerstrittenheit der Schwarzen? Ausgeschlossen, heute kann man doch mit dem Spazierstock durch Afrika gehen!
Gab es wirklich keinen Anlaß zur Sorge für die Kolonialmacht? Steckte wirklich nicht mehr hinter dieser Völkerwanderung zu den Kolelo-Schreinen in Matumbi? Überhaupt: Wer war dieser mysteriöse Kinjikitile, welche Absichten verfolgte er? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst zurückblenden:
Als um 1885 die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika – wie auch in anderen Teilen des schwarzen Kontinents – errichtet wurde, hatte man in Deutschland noch keine Vorstellung darüber, welch ungeheure Bürde das Reich hiermit auf sich nahm. Im Gegenteil, das relativ bescheidene Maß an Mühen und Geldmitteln, das die deutschen Kolonialkonquistadoren –in Ostafrika Dr. Carl Peters – bei ihrer Landerwerbung aufwenden mußten, erweckte in Deutschland den Eindruck, als ob der Afrikaner die Besitzergreifung seines Landes mehr oder weniger willenlos akzeptiere und sich dank seiner Aufsplitterung in zahllose ethnische Gruppen leicht unterwerfen und beherrschen ließe. Man glaubte daher, mit einem Minimum an Militär und Verwaltung auskommen zu können, was den Vorstellungen des Reichstages nach äußerst sparsamer Haushaltsführung in den Kolonien sehr entgegen kam.
Überhaupt nahm sich die Volksvertretung, da innenpolitisch in ihren Kompetenzen arg beschnitten, der Schutzgebiete, wie die Kolonien amtlich hießen, mit Vorliebe an, witterte sie hier doch mit Recht – dank ihrer Haushaltskontrollfunktion, des sogenannten Budgetrechtes - ein “willkommenes parlamentarisches Exerzierfeld“. So saß der Reichstag der Kolonialverwaltung in Deutsch-Ostafrika – wie auch in den anderen Kolonien – ständig mit der Forderung nach alsbaldigem Nachweis der Rentabilität des Schutzgebietes als Voraussetzung für finanzielle Zuwendungen des Reiches im Nacken.
Um diese fortwährende finanzielle und damit auch administrative Gängelung durch die Volksvertretung zu lockern, reagierte das Gouvernement in Dar-es-Salaam mit krampfhaften Bemühungen um Steigerung der Wirtschaftskraft des Schutzgebietes durch Erschließen neuer, ergiebiger Einnahmequellen. Da die europäische Plantagenwirtschaft und der Bergbau noch in den Anfängen steckten, so daß von der Seite vorerst keine nennenswerten Gewinne und damit fiskalischen Einnahmen zu erwarten waren, sah man als einzigen Ausweg aus diesem Dilemma die Besteuerung der Eingeborenenbevölkerung. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde daher vom Gouvernement die Einführung einer sogenannten Hüttensteuer beschlossen, die von jedem Familienvorstand pro Hütte zu entrichten war. Wer den Steuerbetrag nicht in bar oder natura entrichten konnte, sollte ihn durch Heranziehung zur Lohnarbeit im Dienste des weißen Mannes erbringen. Das Gouvernement erhoffte sich auf diese Weise eine profitable und dauerhafte Einnahmequelle, um so schließlich aus eigener Kraft und nach eigenen Vorstellungen die Kolonie entwickeln und ihre Wirtschaft auf eine rentable Grundlage stellen zu können.
Doch die Rechnung der Kolonialherren sollte nicht aufgehen: Die Kolonisierten betrachteten das neue Steuer- und Wirtschaftsförderungssystem mit Mißtrauen. Die Einlassungen des weißen Mannes, sie sollten Steuern bezahlen und Arbeit leisten für den Bau von Eisenbahnen, Straßen, Häfen, Krankenhäusern usw und letztlich auch zur Hebung ihres eigenen Wohlstandes, leuchteten ihnen, den Naturmenschen, nicht ein. Sie begriffen nicht, da ihnen eine auf die Zukunft gerichtete Denkweise fehlte. Sie begriffen nur, was sie sinnfällig vor Augen hatten, und das waren nur Nachteile: Die massiven Eingriffe in ihre Lebensführung, die schwere Arbeit für die Weißen, oft fern von der Familie und unter Bedingungen, die an die der früheren arabischen Arbeitssklaven erinnerten.
Groll gegen die deutsche Herrschaft kam auf. Diese Gefühle wurden von der Führungsschicht der Stämme geteilt, deren Autorität in der Stammesgesellschaft seit dem Auftreten der Weißen stetig abnahm. Mit wachsendem Zorn mußten die Sultane und Stammespriester feststellen, daß die junge Generation sich immer stärker den christlichen Missionen zuwandte. Mit Schrecken erkannten die Herrscher, daß sie nicht mehr Herren im eigenem Lande waren, und sie begannen, die alten vorkolonialen Zustände zurückzuwünschen.
Je länger die deutsche Fremdherrschaft andauerte, um so stärker drängte sich den Afrikanern der Gedanke an eine gewaltsame Abschüttelung der kolonialen Fesseln auf. Besonders in dem von der Kolonialmacht für weniger wertvoll gehaltenen und dünn besiedelten Süden des Schutzgebietes, wo das Netz der Militär- und Polizeiposten viel weitmaschiger als in den
übrigen Landesteilen war, griff dieser Gedanke um sich, hatte man hier doch nur sehr verschwommene Vorstellungen vom deutschen Militärpotenzial.
Es war um die Jahrhundertwende, als in der abgeschiedenen Wildnis von Mgende die Träger des - noch latenten – Widerstandswillens gegen das Kolonialregime sich zu den ersten konspirativen Gesprächen trafen. Sie wurden sich rasch klar darüber, daß die einzige Chance der Volksstämme in einem Aufstand gegen die Deutschen in ihrer Einigkeit bestände, denn nur so könnten sie ihren einzigen Pluspunkt, ihre zahlenmäßige Überlegenheit, ihre Masse, gegenüber den zahlenmäßig schwachen, waffentechnisch und organisatorisch aber weit überlegenen deutschen Truppen zur Geltung bringen. Wie aber sollten die seit Menschengedenken durch Stammesfehden und Streitigkeiten zerrissenen, so völlig verschiedenartigen Völkerschaften geeint werden?
Die Volksseele brodelte, immer ärger wurde die Steuerlast, die Bedrückung durch die Akiden, der Arbeitszwang. Wer sich weigerte oder nicht in der Lage war, seiner Steuerpflicht nachzukommen, wurde geprügelt oder ins Gefängnis gesperrt, wo er dann, angekettet an andere Steuerschuldner, zur Zwangsarbeit getrieben wurde. Die Zeit für eine gewaltsame Wende war überreif!
Da trat im September 1904 Kinjikitile, einem Messias gleich, mit einer aufsehenerregenden prophetischen Heilslehre in Erscheinung, die die bisher nur in den Köpfen der Konspiratoren angestellten Überlegungen konkretisierte und die entscheidenden Impulse zur Dynamisierung der Entwicklung geben sollte.
Er teilte seinen erstaunten Zuhörern mit, daß Kolelo ihm im Rufiyi erschienen sei und ihm verhießen habe, Mungo (Gott) werde selbst auf Erden erscheinen und für seine schwarzen Kinder ein Gottesreich der Glückseligkeit auf Erden errichten, sobald diese ihre ewigen Fehden aufgegeben und sich zum Kampf gegen die koloniale Fremdherrschaft „zu einer Familie“ geeint hätten. Der Ausgang dieses Kampfes werde für die Afrikaner siegreich sein, vorausgesetzt, die Krieger ließen sich mit der ihm von Kolelo gegebenen Maji-Dawa besprengen. Dann seien sie gegen die Wirkung der deutschen Waffen gefeit: „Wie Wassertropfen werden die Kugeln aus den Gewehren und Maschinengewehren der deutschen Kolonialtruppen an den eingefetteten Körpern der askari ya mungo (Gotteskrieger) abprallen.“ Die neue Heilserwartungslehre müßte so rasch wie möglich allen Volksstämmen im Lande bekannt gemacht werden, damit diese durch das Bindeglied des maji zu einer gegen die Fremdherrschaft gerichteten Solidargemeinschaft zusammengeschweißt werden.
Neben dieser militanten, gegen die Kolonialmacht gerichteten Anwendungsart besäße das maji, so erklärte Kinjikitile seiner immer größer werdenden Zuhörerschaft, noch eine friedliche Anwendungsart: Mit dem maji biete Kolelo den Afrikanern endlich ein Allheilmittel gegen das uchawi, das Wirken finsterer Dämonen, die für alle Übel der Welt, z.B. Naturkatastrophen, Krankheiten, Missernten, Fehlgeburten usw., verantwortlich seien, und denen sich die Afrikaner ohnmächtig ausgeliefert fühlten.
Eine ungeheure Erregung bemächtigte sich der Zuhörer: Mungo, die allen Bantu-Stämmen gemeinsame deistische Gottheit, hatte endlich das Klagen seiner schwarzen Erdenkinder erhört und wird nun bald selbst auf Erden erscheinen und sie von dem finsteren uchawi, der teuflischen Geißel im Leben des Afrikaners, erlösen und sie mit Hilfe des maji von der weißen Fremdherrschaft, der schlimmsten Inkarnation des uchawi, befreien.
Nach allen Himmelsrichtungen entsandte nun der Prophet seine Hongos (Agitatoren). Er erteilte ihnen die strikte Weisung, zunächst den Völkerschaften nur das vordergründige, das religiös-friedliche Element der Glaubenslehre zu verkünden, den eigentlichen Zweck der Lehre, die Aufreizung zum gemeinsamen Kampf gegen das Kolonialregime, dagegen vorerst lediglich einem begrenzten Personenkreis, den Jumben (Dorfschulzen), Kriegshäuptlingen und Sultanen, mitzuteilen. Erst im letzten Augenblick, wenn die Kunde von der Befreiungsbewegung zu allen Völkern im Lande gedrungen sei, sollten die Krieger mit dem
Zauberwasser getauft und zum Kampf aufgereizt werden. Nach außen hin müsste bis zuletzt der Eindruck erhalten bleiben, es handele sich um einen harmlosen und friedlichen Kult. Das Signal zum Losschlagen wollte der Prophet selbst geben, sobald alle Stämme auf die gemeinsame Sache eingeschworen seien.
Zunächst erschien es tatsächlich so, als ob Kinjikitiles geniales Täuschungsmanöver gelingen würde. Die Deutschen blieben arglos. Niemand witterte hinter den friedlichen Pilgerzügen irgend welche Anzeichen bevorstehender Unruhen. Doch das Glück sollte dem Propheten nicht treu bleiben: Noch waren seine Emissäre auf dem Wege zu den entfernt wohnenden Völkerschaften, da ereignete sich ein Vorfall, der Kinjikitiles Zeitplan zunichte machen sollte. Von Ungeduld und Wut getrieben, schlugen am 30.Juli 1905 Landarbeiter auf einer Baumwollplantage nahe Nandete in Matumbi ihre sie wie Arbeitssklaven traktierenden Aufseher nieder und begannen, die Baumwollstauden aus dem Boden zu reißen. Dies wurde ringsum als Signal für den Beginn der geplanten allgemeinen Erhebung gegen das Kolonialregime verstanden, und schon ertönten im ganzen Matumbiland die Kriegsgnomas (Kriegstrommeln). Die Krieger sammelten sich zum Kampf, der Maji-Maji-Aufstand nahm seinen Anfang.
Doch es war ein anderer Anfang, als ihn sich Kinjikitile vorgestellt hatte. Die Kontrolle war seinen Händen entglitten, das angestrebte Überraschungsmoment dahin, ein gemeinsamer, zeitgleicher Schlag gegen die Zentren der deutschen Macht nun nicht mehr möglich!
In Dar-es-Salaam glaubte man zunächst nur an eine auf Matumbi begrenzte Dauerrevolte. Gouverneur Graf Götzen befahl deshalb lediglich die Entsendung einiger Polizeieinheiten in das Unruhegebiet. Vor Ort aber sah man die Dinge ernster: Mit Erstaunen und Schrecken mussten hier die Einsatzführer der Polizei feststellen, „daß ein anderer Geist in die sonst so laschen Schwarzen gefahren war“. Mit einem noch nie da gewesenen Fanatismus und unerhörter Todesverachtung griffen die Krieger die Orte und Stationen an. Die zuständige Verwaltungsbehörde in Mohoro, dem Hauptort des Matumbilandes, reagierte entschlossen und rigoros: Kinjikitile und andere „Zauberer“ wurden rasch als Urheber der Rebellion „entlarvt“ und am 4.August 1905 kurzerhand aufgeknüpft. Die letzten Worte des Propheten auf dem Schafott ließen die Behörden, vor allem das Gouvernement aus ihrer maßlosen Fehleinschätzung der Lage hochfahren:
„Meine Kriegsdawa wirkt bereits bis nach Mahenge!“
Nun war wirklich höchste Gefahr im Verzuge, liegt dieser Ort doch Hunderte von Kilometern vom Matumbiland entfernt! Wie zur Bestätigung der Worte Kinjikitiles trafen kurz darauf weitere Hiobsbotschaften aus dem Süden in der Hauptstadt ein: Die Ngindo, ein Nachbarvolk der Matumbi, hatten sich ebenfalls erhoben, den Polizeiposten Liwale überrannt und eine Karawane katholischer Ordensleute unter Führung des Bischofs Spiss unweit Liwale` niedergemetzelt. Auch im Umkreis von Dar-es-Salaam gärte es. Panik erfasste die weiße Bevölkerung der Hauptstadt, eine weiße Bürgerwehr wurde aufgestellt. Graf Götzen mußte Verstärkungen aus der Heimat anfordern.
Wie eine Hydra breitete sich nun die Aufstandsbewegung nach allen Richtungen weiter aus. Schon waren im Westen die Sagara und im Süden, im Bezirk Mahenge, die Pogoro, Mbunga und Luguru von der Kriegsfackel erfasst. Schwerpunktziele der Aufständischen waren die Bomas, die befestigten Polizei- und Militärstationen. Sie wurden nun in frontalen Massenangriffen von den askari ya mungo bestürmt. Doch alle Versuche sie zu erobern schlugen fehl.
Beim Angriff auf die Boma von Mahenge mussten die Aufständischen sogar eine schwere Niederlage einstecken, die zum Wendepunkt der Erhebung werden sollte.
In drei riesigen Kolonnen, zusammen wohl 20.000 Mann marschierten die Kriegerheere, getrennt nach Stämmen, gegen die von der Kompanie des Hauptmanns Theodor von Hassel verteidigte Feste Mahenge vor. Sie wurden von ihren traditionellen Stammensführern, den Sultanen, geführt, ganz im Gegensatz zur einheitlichen Leitung in den Kämpfen in Matumbi
und Liwale, wo die Kommandogewalt in den Händen der religiös-politischen Führer, der Hongos, lag. Schon bald traten gravierende Führungsmängel zu Tage. Statt das Vorgehen zu koordinieren und allseitig und gleichzeitig anzugreifen, rückten die Kolonnen getrennt vor und stürmten dann, zu verschiedenen Zeitpunkten und jeweils nur von einer Seite – gegen die Boma vor.
So war das Desaster vorprogrammiert: Die erste Kolonne, zumeist Ngindo, marschierte am 29.August morgens ahnungslos und im Vertrauen auf die unverwundbar machende Maji-Dawa auf dem Glacis südlich der Boma auf. Hier wurden die Krieger zu einer riesigen Zielscheibe der weittragenden deutschen Maschinenwaffen, von deren vernichtenden Wirkung sie nicht die geringste Vorstellung besaßen. Haufenweise sanken sie zu Boden, die Überlebenden wandten sich zur Flucht. Bald danach brach von Osten her die zweite Kolonne
vor – und erlitt das gleiche Schicksal.
Zwei Tage später wälzte sich von Norden her die dritte Kolonne gegen Mahenge vor, alles Leute vom Stamm der Mbunga, „mit Speeren, Schilden und Keulen bewaffnet, Kränze mit Hirsestengeln als Maji-Symbol auf dem Kopf tragend“. Ein Kommando ertönte, und, den Kampfruf „Maji, Maji“ auf den Lippen, stürzten die eng aufgeschlossenen Kriegermassen den Weg zur Boma empor. Die deutschen Maschinenwaffen hämmerten. Welle auf Welle brandete gegen die deutschen Linien an und brach sich hier. Einigen wenigen Kriegern glückte der Durchbruch bis an die Umfassungsmauer der Boma. Mit letzter Kraft warfen sie Kürbisflaschen voll Maji-Dawa gegen die Mauer, überzeugt, daß diese nun, wie ihnen die Hongos gesagt hatten, zusammenbrechen würde. Doch die erhoffte Wirkung blieb aus, die Mauer blieb stehen! – Damit war der dritte und letzte Ansturm der Aufständischen gescheitert. Die Überlebenden flohen, Tausende von Gefallenen und Verwundeten zurücklassend.
Der Aufstandsbewegung war ein schwerer Schlag versetzt worden, die Glaubwürdigkeit der Maji-Dawa erschüttert. Die gemeinsame Front gegen die Deutschen brach zusammen, der Krieg löste sich nun in zahlreiche kleine Kriegsschauplätze auf, auf denen statt der Hongos die etablierte Führerschaft der einzelnen Völkerschaften Träger des Kampfes gegen die Kolonialmacht wurde. Deren Hauptanliegen, die Wiederherstellung der alten tribalen Machtverhältnisse, trat gegenüber der ursprünglichen Zielsetzung des Aufstandes, der Befreiung der in der Maji-Ideologie vereinten Völkerschaften, immer stärker in den Vordergrund. Der lachende Dritte war das Kolonialregime: Dank der Aufsplitterung in zahlreiche Einzelkriegsschauplätze konnte die Kolonialtruppe nun ihre Kräfte zusammenfassen und die unbotmäßigen Stämme nacheinander unterwerfen. Der Anfang vom Ende einer so hoffnungsvoll begonnenen Freiheitsbewegung kündigte sich an!
Bevor es jedoch zu dieser vernichtenden Niederlage bei Mahenge kam, hatte Kinjikitiles Heilslehre auch die autokratisch regierten Stämme des Südwestens, die Ngoni, Bena Sangu und Hehe, erreicht. Die Reaktion war unterschiedlich: Nur zögernd und gegen den Widerstand eines großen Teils der Stammesältesten schlossen sich die Ngoni unter ihren Nkosis (Kleinkönigen) Mputa und Schabruma und die Bena der Aufstandsbewegung an, während die Sangu und Hehe, die bereits die Macht der Deutschen zu spüren bekommen hatten, eine Teilnahme ablehnten.
Der örtliche deutsche Befehlshaber in Iringa, dem Hauptort des Hehelandes (Uhehe), Hauptmann Ernst Nigmann, reagierte rasch und entschlossen: Er marschierte zunächst mit seiner Truppe nach Mahenge und zerschlug dort die sich wieder sammelnden Heere der Pogoro, Mbunga und Ngindo. Anschließend wandte sich ein Teil der Truppe den Bena zu, die zwischenzeitlich vergeblich versucht hatten, die deutsche Missionsstation Yakobi zu erobern, und sich dabei blutige Köpfe geholt hatten. In einem Treffen bei Mpandu wurde ihnen nun von der Kolonialtruppe eine weitere Niederlage bereitet. Die Reste der Bena-Krieger flüchteten in das unzugängliche Upangwa-Bergland, wo sie sich mit den inzwischen ebenfalls aufständisch gewordenen Pangwa vereinigten.
Das Gros der Iringa-Truppe zog den Ngoni-Rebellen entgegen und schlug sie bei Njamabengo nahe Songea in einem überfallartigen Nachtgefecht. Die Aufständischen, von Panik erfaßt, tauchten im tiefen Gebüsch unter. Das Kriegsgeschehen bekam nunmehr ein anderes Gesicht: Der Massenangriff Tausender fanatisierter Krieger hörte auf und machte der Guerillakriegführung Platz. In kleinen, beweglichen Trupps lauerten nun die Maji-Maji-Krieger der Truppe im Busch- und Urwaldlabyrinth auf und fügten ihr empfindliche Verluste zu. Im Gegensatz zum Gefecht im offenen Gelände war hier eine gezielte Verfolgung nach Maßstäben der europäischen Kriegskunst nicht möglich, da der Gegner, wurde er tatsächlich einmal gestellt, nach allen Richtungen auseinander lief und im Dickicht verschwand.
Die Truppenführung war ratlos: Die Maschinenwaffen ließen sich im Buschkrieg kaum zum Tragen bringen, die Gefahr der Einkesselung und Vernichtung von Truppenteilen war riesengroß! Da griff man zu einer auch heute noch im Buschkrieg verbreiteten barbarischen Methode: der Taktik der „verbrannten Erde“. Mit anderen Worten, Um den Gegner von der für ihn lebenswichtigen Versorgung abzuschneiden, ging die Truppe zu einem systematischen Aushungerungskrieg über – ohne Rücksicht auf die nicht kämpfende Bevölkerung. Die Ernte auf den Feldern wurde vernichtet, sämtliche aufgefundenen Lebensmittelvorräte beschlagnahmt, die Brunnen zerstört und die Dörfer nieder gebrannt. Eine Hetze großen Stils setzte ein, bis in die entlegensten Schlupfwinkel wurden die Rebellen verfolgt.
Schon bald konnte die Truppenführung die ersten Erfolge ihrer Aushungerungsstrategie verbuchen: Die Völker im Norden des Kriegsschauplatzes, die Mbunga, Matumbi und Sagara, von Hunger stark dezimiert, gaben um die Jahreswende 1095/06 den Kampf auf und unterwarfen sich der Kolonialmacht auf Gnade und Ungnade.
Inzwischen waren die Truppen so verstärkt worden, daß zum entscheidenden Schlag auch gegen die noch unbotmäßigen Völker im äußersten Süden und Südwesten des Schutzgebietes ausgeholt werden konnte. Hier waren die Ngoni zur Säule des Widerstandes geworden. Besonders der wendige und listenreiche Nkosi Schabruma verstand es, mit seiner Taktik der Nadelstiche aus seinen Schlupfwinkeln heraus die Deutschen in Atem zu halten. In zwei Zangenbewegungen rückte die Kolonialtruppe nun gegen die Ngoni vor. Immer enger schloß sich die Schlinge um die Aufständischen, Nkosi Mputa wurde gefaßt, doch Schabrama glückte es, mit seinen letzten Getreuen in das zerklüftete Bergland von Upangwa zu entweichen, wo er sich mit den dorthin bereits geflüchteten Bena und Pangwa vereinigte. Konzentrisch rückten nun die deutschen Kolonnen gegen das Bergland vor. Ein Großteil der Aufrührer wurde hier vernichtet, der Rest zog sich nach Osten in die Wildnis von Mgende zurück, wo er im Mai 1906 den Nachstellungen der deutschen Patrouillen erlag. Schabruma entkam nach Mozambique, wurde dort jedoch wenig später Opfer eines Mordanschlages.
Der ungleiche Waffengang war zu Ende, ein schreckliches Strafgericht der Deutschen folgte: Nahezu sämtliche überlebenden Führer der Aufständischen wurden zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet. Sogar Schulklassen mußten den Hinrichtungen beiwohnen! Eine furchtbare Hungersnot brach über das gequälte Land herein und in ihrem Gefolge zahlreiche epidemische Krankheiten. Viele Landstriche wurden regelrecht entvölkert. So schätzt Gouverneur Götzen, „daß von der Bevölkerung in Matumbi wohl die Hälfte dem Aufstand zum Opfer gefallen war“. Die Gesamtzahl der durch die Kampfhandlungen und Hinrichtungen sowie als Folge des Aufstands (Hunger, Krankheiten) umgekommenen Eingeborenen betrug nach Angaben in den „Amtlichen Jahresberichten für Deutsch-Ostafrika 1906/07“ 75.000, dürfte jedoch vermutlich zu niedrig angesetzt gewesen sein. Andere Schätzungen sprachen von 100.000 bis 120.000 Toten. Dr.Gwassa, ein tansanischer Historiker, spricht sogar von 250.000 bis 300.000 oder etwa einem Drittel der gesamten Bevölkerung des Aufstandsgebietes.
Die traditionellen Herrscher, gleichzeitig Hohepriester des Volkes, waren im Kampf gefallen, hingerichtet oder entmachtet. Ihre Untertanen fühlten sich nun entwurzelt und orientierungslos: Die alte Stammes- und Clangemeinschaft, zusammengehalten durch die
Stammesaristokratie, war zerbrochen. Ein Zurück zu den alten Lebens- und Gesellschaftsformen gab es nicht mehr. Die Suche nach neuen sozialen und religiösen Bindungen setzte ein; Die Stunde der christlichen Missionen war gekommen! Der Christengott hatte seine gewaltige Überlegenheit über die Heidengötter bewiesen, die „afrikanische Götterdämmerung“ setzte ein. Zu Tausenden wandten sich jetzt die Eingeborenen in den vom Aufstand verheerten Gebieten dem christlichen Glauben zu, die verkrustete tribale Gesellschaftsform zerfiel. Ein Umbruch in der ostafrikanischen Gesellschaft kündigte sich an.
Nach den großen Aufständen in Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika setzte auch in Berlin ein heilsames Nachdenken über die Fehler in der bisherigen Eingeborenpolitik ein und man erkannte, daß eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gedeihliche Fortentwicklung der Schutzgebiete die Rückgewinnung des Vertrauens der Afrikaner durch stärkere Berücksichtigung ihrer Belange war.
Bahnbrechend auf dem Gebiet einer Umkehr in der Eingeborenenpolitik war der 1907 zum neuen Kolonialdirektor ernannte Bankier Dernburg. Dank einer nach den Reichstagswahlen 1907 entstandenen kolonialfreundlichen Mehrheit im Reichstag gelang es ihm, ein koloniales Reformvorhaben durchzusetzen, durch das das Ruder in der Eingeborenenpolitik radikal herumgeworfen wurde: Mit Hilfe von Staatsanleihen – statt der bisherigen Zuweisungen aus der Staatskasse – wurde mit dem Ausbau der Infrastruktur der Kolonien begonnen, das Eisenbahn- und Straßennetz wurde erheblich erweitert, Städte und Marktzentren entstanden. Dies alles trug zu einer enormen Verbesserung der Vermarktungsmöglichkeiten für die traditionellen Feldprodukte der afrikanischen Bauern bei. Der Handel nahm einen ungeahnten Aufschwung, das Konsumdenken des Afrikaners wurde stimuliert. Das Steueraufkommen erhöhte sich, so daß die Kolonialverwaltung mit der Rückzahlung der Staatsanleihen beginnen konnte. Der Verwaltungsapparat der Schutzgebiete wurde erheblich vergrößert, das Gesundheits- und Schulwesen ausgebaut.
Dernburgs Prognosen bewahrheiteten sich: Im Zeitraum 1905-12 verdreifachte sich der Handel in Deutsch-Ostafrika! Manche Mißstände in der Behandlung der afrikanischen Bevölkerung wurden abgestellt. Wohlstand und Zufriedenheit kamen auf. Dem Afrikaner wurde langsam bewußt, daß der weiße Mann mehr zu bieten hatte als nur Unterdrückung und Ausbeutung, daß man eine Menge von ihm lernen könnte. Der Bildungsdrang wurde im Afrikaner geweckt. Dank der christlichen Missionen, aber auch der Dernburgschen Reformprogramme boten sich ihm nun, sofern er tüchtig und ehrgeizig war, Ausbildungs- und Aufstiegschancen in der Kolonialverwaltung, im Verkehrswesen, in den Missionen, im Gesundheitswesen und in den großen Plantagenbetrieben. Seine Arbeit und Leistung fanden Anerkennung. Damit wuchs im Afrikaner der Glaube an seine eigenen Fähigkeiten, sein Selbstbewußtsein stieg.
So haben die Reformprojekte der Kolonialmacht letztlich einen – von dieser sicherlich nicht beabsichtigten – emanzipatorischen, stammesgrenzen überwindenden Umdenkprozeß in Gang gesetzt, an dessen Ende die Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit des Landes stand.Mit dem Maji-Maji-Aufstand, der ja zusammen mit den Eingeborenenerhebungen in Südwestafrika Auslöser der Reformprojekte in der deutschen Kolonialverwaltung war, wurde somit der erste Meilenstein für einen langen, dornenreichen Weg gelegt, der mit der Bildung des ostafrikanischen Staates Tansania endete. Das Reich der Schwarzen auf Erden wurde damit Wirklichkeit! Doch dieses Reich ist nicht das „Reich der Glückseligkeit“, wie es der legendäre Kinjikitile aus dem Rufiyital 1904 prophezeit hatte. Wie ehedem bedrücken Not, Elend und Hunger seine Bewohner, die Abhängigkeit vom Europäer, wenn auch nicht mehr die koloniale, so doch die wirtschaftliche und finanzielle, ist geblieben. Kinjikitiles Reich ist eine Illusion, eine unerreichbare Utopie geblieben.




Benutzte Quellen: (Auswahl)
1. Archivquellen
a) Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg; Bundesarchiv Berlin; Public Record Office, London; Tanzania National Archives, Dar-es-Salaam: Geheime Umfragen, Kriegstagebücher, Schriftverkehr der Kolonialverwaltung u.a.
b) Archiv der Benediktiner-Erzabtei St Ottilien, Oberbayern: Tagebücher von Theodor von Hassel: „Der Militärbezirk Mahenge im Austand 1905“
2. Regierungsveröffentlichungen
a) Reichstagssitzungen: Verschiedene stenografische Berichte
b) Government University College, Dar-es-Salaam, Department of History: Maji-Maji-Research Project (MMRP) Collected papers, Dar-es-Salaam 1968 (Umfrageaktion des britischen Professors John Iliffe)
3. Diverse Zeitschriften und Periodika,
a) u.a. Missionsberichte der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin Jg.1908 und Missionsblätter der Deutschen Benediktus-Genossenschaft, St. Ottilien Obb.Jg.1906-1914
4.) Sekundärliteratur
Beez, Jigal: „Geschosse zu Wassertropfen; sozio-religiöse Aspekte des Maji-Maji-Krieges in Deutsch-Ostafrika“, Köln 2003
Götzen, Graf Gustav-Adolf von: „Deutsch-Ostafrika im Aufstand 1905/06“, Berlin 1909
Gundolf, Hubert: „Maji-Maji – Blut für Afrika“, St.Ottilien, Obb., 1984
Iliffe, John: „A modern History of Tanganyika“, Cambridge 1977
Mpangara, G.P. “The Maji-Maji War in Ungoni” Nairobi 1969
Nigmann, Ernst: “Geschichte der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika“, Berlin 1911
Nuhn, Walter: „Flammen über Deutsch-Ostafrika – Der Maji-Maji-Aufstand 1905/06“ Bonn 1998
Nuhn, Walter: „Kolonialpolitik und Marine – Die Rolle der Kaiserlichen Marine bei der Gründung und Sicherung des deutschen Kolonialreiches 1884 –1914“ Bonn 2003
Nyerere, M.J.: “Freedom and Unity – Uhuru na Umoja” Dar-es-Salaam 1966
Paasche, Hans: “Im Morgenlicht” Berlin 1907
Safari, Joseph F. : „Grundlagen und Auswirkungen des Maji-Maji-Aufstandes von 1905. Kulturgeschichtliche Betrachtungen zu einer Heilserwartungsbewegung in Tansania“ Diss. Universität Köln, Köln 1972
Seeberg, Karl-Martin: „Der Maji-Maji-Krieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft“ Berlin(West) 1989
Wehrmeister, Cyrillus: „Vor dem Sturm. Eine Reise durch Deutsch-Ostafrika vor und bei dem Aufstande 1905“ St.Ottilien, Obb. 1906
Bildnachweis:
1 und 2): Nigmann: „Geschichte der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika“
2 und 3): Missionsblätter St. Ottilien