Militärhistorisches und Ausrüstung

Der Herero-Aufstand und die sogenannte „Schlacht“ am Waterberg

Aufstand

13.10.2007
H. R. Schneider-Waterberg

Vortrag

Gehalten für den Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen – Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.

in Bad Lauterberg am 13. Oktober 2007

Von H.R. Schneider-Waterberg, Namibia

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Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ihre großzügige Einladung mit der Gelegenheit, Ihnen heute Abend das eine oder andere aus meiner Heimat erzählen zu dürfen, ist mir eine Ehre. Dafür möchte ich mich bedanken. Heimat hat für mich dabei heute Abend einen doppelten Sinn, denn nicht nur lebe ich in Namibia und wurde dort geboren, sondern ein Teil meines Farmbesitzes liegt am Waterberg auf dem Gelände, oder wenn Sie so wollen, auf dem Schlachtfeld der sogenannten Schlacht am Waterberg des Hererokrieges von 1904. Täglich fällt so der Blick von meiner Veranda auf historischen Boden. Es wird zum Beispiel berichtet, daß Ende Juli 1904, also wenige Tage vor der eigentlichen Schlacht des 11. August, die Oberhäuptlinge der Herero aus den verschiedenen Teilen des Landes an der kleinen Quelle meines heutigen Farmgehöfts zusammenkamen. Ihre Rinderherden wurden unfern etwas nordöstlich an den Wasserlöchern in der Pforte von Omuverume getränkt. Sie waren mit dem Gros des Stammes auf die weite Fläche westlich der Pforte vor meinem Wohnhaus gezogen, auf der dann wenige Tage später am 6. August die Patrouille von Bodenhausen fiel und begraben wurde. Von einer Anhöhe kaum 2 Kilometer von meinem Haus entfernt eröffnete die Abteilung Deimling am 11. August mit einigen Kanonenschüssen den Angriff auf die Herero in der Pforte, dem sogenannten Pass von Omuverume.

Oft sind Mitglieder Ihres Traditionsverbandes hier vorbeigekommen, um der historischen Ereignisse und der Gefallenen an der unweit gelegenen alten Polizeistation Waterberg zu gedenken. Viele von Ihren Mitgliedern haben im Lande Gutes getan, zum Beispiel in deutschen Schulen und Schülerheimen. Dafür möchte ich Ihnen danken, und auch deswegen bin ich heute hier.

Nun aber möchte ich Ihnen aus der in einem Vortrag von einer Stunde nicht zu bewältigenden historischen Materie über den sogenannten Hereroaufstand einige besondere, bisher vernachlässigte Ausschnitte lebendig machen.

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Ein zäher Mythos

Dieser Aufstand oder Krieg wütete seit Januar 1904 und sollte mit der sogenannten Schlacht am Waterberg im August des Jahres im wesentlichen beendet sein.

Wer sich heute mit den historischen Ereignissen der inzwischen fast mythischen Schlacht am Waterberg - oder, wie mir im Arbeitstitel zutreffend vorgegeben, - „sogenannten“ Schlacht am Waterberg - befaßt, bei dem muß bald die Frage entstehen, was es ist, daß das Interesse an dieser längst vergangenen Konfrontation lebendig hält. Nach dem vergangenen Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, in denen in gewaltigen, oft wochen- und monatelangen Schlachten Millionen Soldaten und Zivilisten umkamen, hätte ein eintägiges Gefecht bei dem 26 kaiserlich deutsche und eine unbekannte Anzahl Hererokrieger fielen, im Dunkel der Geschichte verblassen müssen. Damit sollen diese Opfer des Hererokriegs nicht herabgesetzt, sondern in eine Beziehung zum vergangenen Jahrhundert der Extreme (Hobsbawm) gebracht werden.

Einer der Hauptgründe für die unverhältnismäßige Bedeutung, welche die Schlacht am Waterberg später erreichte, lag, wie es bei historischen Nebenschauplätzen schon vorgekommen sein soll, in der Parteipolitik. Keine deutsche Partei betrieb nach der Reichsgründung von 1871 konsequent antikoloniale Politik, obwohl die Deutschfreisinnige Partei und das Zentrum sowie die Sozialisten, die spätere SPD, seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts das Kolonialreich als ein moralisches Übel, ein wirtschaftlich wertloses Unternehmen und als charakterverderbend für das in die Kolonien entsandte Personal bekämpften. Der deutsche Reichstag hatte verfassungsgemäß zwar nur beschränkte Kompetenzen, er hatte aber das Budgetrecht für die Kolonien, was die Opposition zu manchmal Wochen dauernden kolonialpolitischen Debatten ausnutzte. Als das Interesse der deutschen Wählerschaft für die Kolonien erstarkte, benutzte Reichskanzler Bülow im Jahre 1906 die wiederholte Ablehnung seiner Vorlagen als Gelegenheit, die lästige Behinderung seiner Regierung bei der Entwicklung der Kolonien auszuschalten, indem er den Reichstag auflöste. Die daraufhin stattfindenden Wahlen wurden auch despektierlich als „Hottentotten-Wahlen“ bekannt. Sie stärkten aber das kolonialfreundliche Element im Reichstag und förderten das Interesse an den deutschen Kolonien.

Im gleichen Jahr war als Reaktion auf eine große Anzahl von oft umstrittenen Berichten über den Kolonialkrieg in DSWA auch bereits von höherer Stelle aufwendig der vorläufige Generalstabsbericht über den Hererokrieg erschienen. Er sah es, wie wir in seinem Vorwort lesen, als seine Pflicht an, „mit einer Darstellung dieser Kämpfe bereits jetzt an die Öffentlichkeit zu treten, wenn auch zur Zeit der für eine völlig erschöpfende Bearbeitung erforderliche Quellenstoff noch nicht vorliegt“. Besonderer Wert wurde hierbei darauf gelegt, dem Deutschen Volk ein anschauliches Bild des entbehrungsvollen Lebens der Truppe im Felde und ihres tapferen Verhaltens im Gefecht zu geben. „Diese Leistungen hätten Anspruch auf den gesamten Dank des Vaterlandes“.

Außerdem trugen nicht nur der bekannte Romanschriftsteller Gustaf Frenssen mit „Peter Moors Fahrt nach Südwest“ zum Interesse am Hererokrieg bei, sondern auch andere Berichte über Elend und ernste Verluste der Truppen durch Typhus, Ruhr, Malaria, Skorbut und Herzschwäche.

Im ersten Weltkrieg waren es die begeisternden Leistungen Lettow-Vorbecks im Kampf um Ostafrika, danach die Empörung in Deutschland über das Versailler Diktat, sowie die sogenannte „ Kolonialschuldlüge“ und in den zwanziger Jahren waren es Schriftsteller wie Hans Grimm mit z.B. seinem „Deutsches Südwester Buch“, welche die Erinnerungen lebendig hielten. Auch im Dritten Reich wurde das Interesse an den verlorenen Kolonien gefördert.

Sicherlich hat die eindrucksvolle Kulisse des malerischen Waterberg-Massivs mit seinen in Namibia so seltenen Quellen eine Rolle bei dem Beschluß gespielt, jährliche Kriegergedenken an dem Sodaten-Friedhof der alten Polizeistation am Waterberg abzuhalten. Das jahrelange, vor allem deutsche Interesse für die Ruinen der Missionsstation in der Umgebung der Quelle und die alte Polizeistation aus der Deutschen Zeit veranlaßte sogar die damalige Landesregierung noch kurz vor der Unabhängigkeit Namibias in den 80iger Jahren zum Bau eines aufwendigen Touristenlagers in Waterberg.

Ich komme nun zu einem wichtigen Teil der namibischen Kolonialgeschichte, nämlich den

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Ursachen und Anlässe des Aufstands

Dr. Heinrich Vedder, der Altmeister namibischer Geschichte, beginnt mit folgenden Worten das Kapitel über die Aufstände in DSWA in seiner kleinen „Einführung in die Geschichte Südwestafrikas“ aus den zwanziger Jahren: „Bei allen kriegerischen Verwicklungen in der Geschichte muß man genau unterscheiden zwischen den Ursachen der Unstimmigkeiten und den Veranlassungen, die zum Ausbruch der Feindseligkeiten führten“.

Im Januar 1904 war im damaligen DSWA mit der fast gänzlich unerwarteten Ermordung von mehr als 120 deutschen Beamten, Händlern und Ansiedlern der sogenannte Hereroaufstand ausgebrochen, und es waren, wie Vedder andeutet, die Ursachen der Unstimmigkeiten zwischen Deutschen und Herero, die maßgeblich zum Kriegsausbruch geführt hatten. Die Anlässe waren obskur und mißverständlich und sind teilweise bis heute umstritten. Einige dieser sonst nicht allgemein berücksichtigten Ursachen und Umstände, die sich noch auf den Verlauf des Krieges und sogar danach auswirkten, möchte ich Ihnen vortragen.

Die Ursachen ergaben sich, so meine ich, zunächst aus der Natur des Landes in ihrer Wechselwirkung mit den Menschen: - Die Herero zum Beispiel waren Viehnomaden in einem unversöhnlich semiariden Land.

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Nomadismus

Der Historiker Arnold Toynbee schrieb in seiner monumentalen „Studie zur Weltgeschichte“: „Nomadenleben bedeutet tatsächlich einen Triumph menschlicher Erfindungsgabe“, denn, so an anderer Stelle: „Der Nomade lebt von dem Steppengras, das er selbst nicht essen kann, indem er es in die Milch und das Fleisch seiner gezähmten Tiere verwandelt“. Im Selbstverständnis ihrer erwiesenen Fähigkeit dem menschenfeindlich semiariden Namibia das später sogar seinen Namen einer der ältesten Wüsten der Erde verdanken würde - ihre Existenz abtrotzen zu können und zu müssen, erschien den halbnomadischen Herero deutsche ordnende Seßhaftigkeit als absurd und sogar existenzgefährdend, ganz besonders wann immer standhaltende Wasserstellen aus ihrer Interessenssphäre in fremde Hände übergingen.

Die Unstimmigkeiten gingen überhaupt viel mehr als allgemein angenommen um den Besitz von Wasserstellen als um Land, das in unendlichen Mengen zur Verfügung stand. Auch die ersten Erfolge der von Gouverneur Leutwein eingeführten Tiefbrunnnen- Bohrmaschinen bei der Wassererschließung konnte für einen Nomaden eine Sesshaftigkeit mit dem unvermeidlichen Rückgang der Weide an einer permanenten Wasserstelle nicht annehmbar machen.

Es war dies nach Toynbee der schon alttestamentarisch bedeutsame Gegensatz zwischen dem seßhaften Kain und dem Viehalter Abel, der von Kain erschlagen wurde, obwohl oder gerade weil ein Opfer aus Abels Herden Gott wohlgefälliger war als Kains Früchte seiner Felder. Konnte man aber von einem deutschen Kolonialbeamten aus der Enge seiner europäischen Heimat mit ihren tausendjährigen Gesetzen und Ordnungen, seiner Erziehung zur Arbeitsamkeit innerhalb der Grenzsteine uralter Gemarkungen stammend, verlangen, einen Nomaden zu verstehen, der seine ganze Existenz und die seiner Herden unbegrenzter Beweglichkeit verdankte, der auf ewiger Wanderschaft seine kultische Verehrung teilte zwischen einerseits seiner religiös-mythischen Grundeinstellung zur Rinderhaltung und andererseits seiner Ahnen in ihren über das Land weit zerstreuten Gräbern? Eine Art Freigeist, der regelmäßige, schwere Arbeit wenig achtete und unstet siedelte, wo immer Wasser für sein Vieh in Regenteichen noch nicht verdunstet war oder das Sickerwasser seiner handgegrabenen Erdbrunnen nicht versiegte?

Sorgfältige wissenschaftliche Untersuchungen des sogenannten ostafrikanischen Rinderkomplexes - der an Rinder gebundenen Nomaden-Kulturen vieler Stämme Ostafrikas zeigten bei aller Unterschiedlichkeit der Charaktere auch gewisse Gemeinsamkeiten, die wir desgleichen bei den Herero finden. Innerhalb des gleichen Stammes, ebenso wie zwischen ganz unterschiedlichen Stämmen, zeigten Rinderhalter ähnliche Charaktereigenschaften, die sie von seßhaften Stammesangehörigen oder seßhaften Angehörigen anderer Stämme unterschieden und die offensichtlich bei Viehnomaden Funktionen ihrer ökologischen Orientierung, also eines existenzbedingenden Einklangs mit ihrer Umwelt, waren.

Der Kampf um seine Existenz und die seiner Herden hatten den Viehnomaden zum strategisch denkenden, realistischen, selbstbeherrschten, entscheidungsgewohnten, Autorität respektierenden Individualisten gemacht. Aggressiv und tapfer in der Verteidigung seiner Herden und ausdauernd in schweren Zeiten fand er sich stoisch mit unabwendbaren Dürren und Seuchen ab. In dieser Weise reagierte er auf die persönlichen Gefahren, aber auch die Gelegenheiten seiner Rinderhaltung in einer unkontrollierbaren und oft feindlichen Umgebung, indem er überlebte.

Die Parallelen zu den Herero um 1900 und das Konfliktpotential mit einer Kolonialverwaltung sind nicht zu übersehen. Hier liegt der nächste tiefere Grund des Aufstands und die Motivation für die Feldherero der Kriegspartei, die im Gegensatz zur herkömmlichen Meinung aus den älteren traditionsgebundenen Hereros bestand. Die Jüngeren, besonders die gebildeten, waren zwar übermütig, hielten einen Krieg aber bereits für unzeitgemäß und aussichtslos.

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Umweltbedingte Unstimmigkeiten

Die Herero wurden hierarchisch von lose zusammenhängenden, meist blutsverwandten, aristokratischen Familien regiert. Sie hatten selbst vor wenigen Generationen noch als Eroberer die Urbevölkerung vertrieben oder gar unterjocht, hatten nach jahrzehntelangen Raubzügen der in den Süden des Landes eingedrungenen Nama diese besiegt, zuletzt auch mit deutscher Hilfe. Nach verheerenden fast vollständigen Verlusten ihres Viehbestandes durch die große Rinderpest im Jahre 1897 und das darauf folgende Texasfieber sowie Seuchen bei den Menschen und Hungerzeiten während Dürren war das Volk zum wiederholten Male in seiner Geschichte wieder mit Hilfe günstiger Regenzeiten gewachsen und kriegerisch erstarkt. Dadurch sahen die Traditionalisten der Kriegspartei sich in ihrer grenzenlos weltfremden Überheblichkeit bestärkt, die aus dem uralten Wissen um ihre zähe Überlebensfähigkeit in der ihnen vertrauten Umwelt entsprang.

Durch Verkäufe von Land mit wertvollen Wasserstellen durch ihren eigenen Oberhäuptling sowie durch Zwänge in der Eintreibung von Krediten durch Wanderhändler und durch Maßnahmen, die eine Umsiedlung in Reservate in Aussicht stellten, fürchteten einige Häuptlinge Einfluß- und Machtverlust.

Zu einer Reihe kleinerer Anlässe kam eine äußerst günstige und frühe Regenzeit, die im Kriegsfall dem gesamten Volk und seinen Viehherden mit ausreichenden Wasserstellen Beweglichkeit sichern würde. Für die Kriegspartei schien dies die Absicherung gegen die verhängnisvolle Entscheidung zu sein, wenn nötig, das benachbarte britische Betschwanaland über altbekannte Routen erreichen zu wollen. Reger Verkehr hatte historisch zwischen den Ost-Herero und dem britischen Betschwanaland stattgefunden, das England schon 1884 als Reaktion auf die deutsche Inbesitznahme von DSWA im gleichen Jahr besetzt hatte und seitdem betont indirekt und milde regierte.

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Wenig beachtete Einflüsse wie die Englands und Südafrikas

Der Burenkrieg war erst vor etwas mehr als einem Jahr mit einem Sieg Englands zu Ende gegangen und Engländer wie Herero wußten, daß die deutschen Sympathien bei den Buren gelegen hatten. Der britische Kommissar in Tsau an den Okavango-Sümpfen hatte seine Herero-Informanten in DSWA. Händler und Agenten berichteten in die englische Kapkolonie. An der Westküste berichtete der englische Magistrat von Walvisbay vertraulich und genau über Sympathien und Anlässe beim Ausbruch des Krieges und von 20.000 Schuß Munition, die bei ihm lagerten. Englische Kriegsberichterstatter hielten sich im Lande auf. Einer von ihnen war sogar bei der Schlacht am Waterberg in Hamakari mit dabei und blieb auch bei der Truppe, nachdem sein deutscher Kollege abgezogen worden war. Die Kriegspartei der Herero hatte zu den Engländern gute Verbindungen und alles Englische stand hoch im Kurs.

In diesem Zusammenhang ist eine Fußnote interessant, die der auch international geachtete konservative Historiker Ernst Nolte in sein wichtiges letztjähriges Buch über die Weimarer Republik einfügte. Ausgehend von der Rolle des Wilhelminischen Kaiserreichs als europäischem Friedens- und Kulturstaat, das bis 1914 auf eine mehr als 40jährige friedliche Entwicklung zurückblicken konnte, bewertet er den sogenannten Hereoaufstand als weniger ernsthaften Kolonialkrieg verglichen mit denjenigen, in die Groß Britannien und Frankreich verwickelt waren. Es sei nicht auszuschließen, daß Engländer die Hand im Spiel hatten, und dann wörtlich: „die Vergeltung am Massenmord an deutschen Siedlern war sehr hart, aber sie erfüllte nicht den Begriff des ‚Völkermordes‘, da sie für geraume Zeit die Kapitulation offen ließ.“ Diese Erklärung läßt an Klarheit und weitreichender Konsequenz nichts zu wünschen übrig. Sie wurde auch durch die freiwillige Gefangennahme mehrerer Gruppen von Herero bereits zu Kriegsanfang bestätigt und ab Dezember 1904 durch die Aufnahme Tausender Herero in Gefangenenlagern.

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Verlauf des Aufstandes Januar bis Juli 1904

Der sogenannte Herero-Aufstand oder –Krieg hatte im Januar 1904 mit den eingangs erwähnten Morden seinen Anfang genommen. Nach den bedeutenden Gefechten von Onganjira und Oviumbo während der ersten Hälfte des Kriegsjahres 1904, die aber keine Entscheidung gebracht hatten, zogen die meisten Herero mit ihrem Vieh von der Landesmitte etwa 200 km nach Norden an den Waterberg. Die Kriegsmacht der Herero setzte sich inzwischen hauptsächlich aus mehreren - in Friedenszeiten weit entfernt voneinander lebenden Gruppen - zusammen mit dementsprechend lockeren Kommandostrukturen.

Die nähere Umgebung des Waterbergs bot nach der sehr ergiebigen Regenzeit von 1903/1904 wenigstens vorübergehend genügend Wasser und Weide und war daher die einzig mögliche Sammelstelle für die Herero, an der sie eine Entscheidung im Kriege herbeiführen oder abwarten konnten. Auch strategisch lag der Waterberg für die Herero günstig, mindestens 200 km von der Bahn entfernt, was den Aufmarsch und die Versorgung der kaiserlichen Truppe ganz erheblich, besonders während der trockenen Jahreszeit, erschwerte.

Im Juni waren der Generalleutnant Lothar von Trotha und erhebliche Verstärkungen in Swakopmund gelandet. Die neuen Truppen hatten keine Landeserfahrung und beherrschten nicht einmal das Reiten, dessen Anfangsgründe sie daher schmerzhaft unterwegs erlernen mußten. Sie wurden im sogenannten Zweiten Feldregiment unter Oberst Deimling nach dem fast 500 Kilometer entfernten Waterberg in Marsch gesetzt. Dort sollten sie die westliche Flanke des Angriffs bilden. Trotha würde mit den zum Ersten Feldregiment vereinten bestehenden Teilen der Truppe von Norden, Osten und Süden gegen den Waterberg aufrücken. Da er sich für diese Strategie keineswegs darauf verlassen konnte, daß die Herero am Waterberg stehenbleiben würden, war für die Truppe höchste Eile geboten.

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Der Waterberg im August 1904

Der Große Waterberg ist ein Tafelberg im mittleren Norden Namibias. Man kann ihn sich wie einen Wall mit einer Zinne aus rotem Sandstein vorstellen. Er erstreckt sich über etwa 40 Kilometer in ungefähr west-östlicher Richtung. Im Westen bildet der sogenannte Kleine Waterberg parallel mit dem Großen ein etwa 5 Kilometer breites Tal, den Paß oder die Pforte von „Omuverume“, was „das eine Tor“ bedeutet. An den Südhängen des Großen Waterbergs treten unter der Sandsteintafel kleinere Quellen hervor, die meistens schon im Hang versiegen. Die ergiebigere Quelle bei der alten Polizei- und Missions-Station Waterberg floß im Jahre 1904 in einem Quellbach wenige Kilometer weit in die Fläche, wo sie versiegte. In der Fläche südlich der Station lagen die Wasserlöcher von Hamakari im Bett eines Trockenflußes, der jenseits der Pforte von Omuverume im Westen entsteht.

Bei täglicher Verdunstung von 10 bis 11 mm sind die meisten Regenteiche nach dem letzten guten Regen am Ende der Regenzeit im April gewöhnlich bereits im August dabei, sich in Schlammlöcher zu verwandeln. Brunnen mußten erst noch wie bei Hamakari gegraben werden. Im August standen die Herero daher auch am Waterberg notgedrungen kurz vor dem Abzug. Bis auf den Quellbach in Waterberg war der Wasserstand in den Wasserlöchern bzw. in den Brunnen gesunken, sodaß Wasser für Tausende Rinder mittels kleiner Holzeimer und Töpfe geschöpft und aus roh gefertigten Holztrögen getränkt werden mußte. Um den Quellbach am Waterberg herum und westlich der Omuverume-Pforte war die Weide auf Kilometer abgeweidet.

Nach der Einnahme der Wasserlöcher von Omuverume und des Quellbachs von Waterberg durch die Abteilung Deimling am 11. August kämpfte daher jeder Hererokrieger mit dem Gedanken: Wo ist mein Vieh und wo kann ich es heute oder morgen tränken und weiden lassen?

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Schlachtpläne – Theorie und Praxis

Es wird immer wieder von einer Sedan-Schlacht Strategie des Generalleutnants von Trotha geschrieben. Sein Mentor von Schlieffen, zu jener Zeit Chef des Großen Generalstabs in Berlin und 1871 im deutsch-französischen Krieg Sieger der Kesselschlacht von Sedan, habe ihn dahingehend beeinflußt. Der General war jedoch Veteran des Chinakriegs und einst Befehlshaber der Schutztruppe in Ostafrika, und er war zu erfahren, um sich auf eine Kesselschlacht unter den natürlichen Schwierigkeiten, die das wasserarme, weitläufige Land seinen geringen Kräften entgegenstellte, zu versteifen. Das fast unüberwindliche Problem der Schutztruppe war die ungleich schwierigere und zeitaufwendige Versorgungslage der Truppen gegenüber der trotz ihrer Anbindung an ihr Vieh viel größeren Beweglichkeit der Herero.

Natürlich wollte auch von Trotha, wie schon sein Vorgänger Oberst Leutwein, sowohl die für einen konzentrischen Angriff militärisch günstige Lage des Waterberg Massivs im Rücken der Herero als auch deren Abhängigkeit von den dortigen Wasserbedingungen ausnützen. Natürlich ergab eine seitliche Umfassung kombiniert mit einem Frontal-Angriff zwar den Anschein einer sedanmäßigen Strategie des getrennten Marschierens und vereinten Schlagens, zunächst aber war sie hier die zwingende Lösung - wenn auch naturgemäß nur eine Notlösung. Sie ergab sich aus dem Mangel an ergiebigen Wasserstellen entlang der Marschroute für den Aufmarsch nach Waterberg sowohl für die Kampfeinheiten als auch für den Nachschub, und erforderte einfach eine Aufteilung in getrennt anrückende kleinere Abteilungen. Bei den generell großen Schwierigkeiten eines An- und Aufmarsches war es daher, wie gesagt, entscheidend und unerläßlich, daß die Herero auch wirklich am Waterberg stehenblieben.

Von Trotha hatte daher sofort nach seiner Ankunft im Juni alle behelligenden Angriffe auf Herero, die sich erwartungsgemäß nach Waterberg abzusetzen schienen, verboten. Zogen sie von dort ab, würde er sie vor einer nächsten Regenzeit nie einholen können und sie wären dann in alle Winde verstreut im Busch verschwunden gewesen. Der Auftrag des Kaisers war es aber, den Krieg schnell und gründlich zu beenden. Seine Strategie war es daher, von allen Seiten vorsichtig und zunächst Abstand haltend, sich dem Waterberg zu nähern. Erst während des Nachmittags und der Nacht vor dem Entscheidungskampf würden die vier selbstständigen Abteilungen der Truppe in Gewaltmärschen von 30 und mehr Kilometern zum Waterberg aufrücken und im Halbkreis um die Herero in Stellung gehen.

Am Vortag der Schlacht bildeten die Lager der Herero in der Fläche südlich des Massivs des Waterbergs einen Halbkreis mit einem Umfang von etwa 40 Kilometern mit dem Zentrum bei der Station Waterberg. Der südlichste Punkt dieser Front lag etwa 15 Kilometer vom Berg entfernt bei Hamakari.

Am entscheidenden Kriegstag des 11. August würden die Abteilungen der Truppe im Westen und im Osten am Südhang des Waterbergs den Feind in Richtung Station Waterberg werfen, um ihn dann in der Mitte der Front, von Hamakari aus, mit inzwischen vereinten Kräften zu stellen, zu schlagen und - wenn Sie so wollen wie bei Sedan -, zur Kapitulation zu zwingen. Große Kriegsgefangenenlager waren dafür eingerichtet. Dies war die erfolgversprechende Kombination der Strategien der Einkreisung und des Frontalangriffs mit Schwerpunkt Hamakari.

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Oberst Deimling und das Zweite Feldregiment westlich des Waterbergs

Das bereits erwähnte Zweite Feldregiment unter Oberst Deimling war vom Südwesten in Richtung auf den Waterberg aufmarschiert. Deimlings Abteilung hatte um 6 Uhr früh am 11. August von etwa 5 Kilometer westlich der Omuverume Pforte mit Artilleriebeschuß: „Auf die aufgehende Sonne, Visier 6000“ den Kampf eröffnet. Die dort stehenden Herero kamen aus Omaruru. Sie wichen der Übermacht. Obgleich der Generalstabsbericht das nun folgende eigenmächtige Vorgehen des Zweiten Feldregiments verharmloste, ist es der Schlüssel zum Verständnis des fehlgeschlagenen Schlachtplans für Waterberg.

Die Abteilung Deimling hatte nämlich bereits am 4. August zwei Direktiven des Oberkommandos erhalten, die gefechts- und vielleicht kriegsentscheidende Weisungen für den bevorstehenden Angriff enthielten. Es waren die folgenden: „Direktive Nr. 5: Es greift an die Abteilung Deimling: Omuverume im Streben, in das dortige Taldefilee einzudringen und, wenn die Umstände dies irgend gestatten, den Angriff auf Hamakari zu unterstützen.“ Die Abteilung Fiedler sollte in der Pforte von Omuverume das Ausbrechen der Herero nach Nordwesten verhindern.

„Direktive Nr. 8: Die einzelnen Abteilungen führen an Verpflegung am Tage des Angriffs mit sich für jeden Mann für 6 Tage eine eiserne Mundportion, Fleisch eventuell in Strähnen gedörrt, für jedes Pferd drei eiserne Rationen zu je 1 kg Hafer.“ Drei dieser Anweisungen befolgte das Zweite Feldregiment unter Oberst Deimling nicht. Dies sollte für den Ausgang der Schlacht und den restlichen Verlauf des Krieges entscheidend sein. Erstens griff Deimling im Lauf des 11. August den Ort Waterberg an, und nicht Hamakari, und er ließ dabei zweitens Troß und Verpflegung ohne Instruktionen 60 km weit zurück und er ließ drittens die Abteilung Fiedler mit nach Waterberg marschieren, sodaß die 5 km breite Omuverume Pforte offen lag.

Um dies zu beschönigen wurde im Generalstabsbericht in die genannte Direktive folgende Fußnote eingefügt, die jedoch den Tatsachen des Gefechtsverlaufs nicht entspricht: „Das Heranziehen des zweiten Feldregiments unmittelbar auf Hamakari war wegen des Fehlens von Wasserstellen und wegen des dicken Busches, durch den man einen Pfad nur in tagelanger Arbeit hätte darlegen können, ausgeschlossen.“ In Wirklichkeit enthält unverkennbar eine schon Anfang August 1904 bereits vor der Schlacht gezeichnete Karte des Generalstabs, den von Omuverume nach Südosten führenden deutlich vermerkten Weg oder Pad nach Hamakari, auf dem Deimling anfangs sogar marschierte!

Bei der Abteilung Deimling befand sich auch Hauptmann Franke. Hauptmann Victor Franke war durch den Gewaltritt mit seiner Kompanie berühmt geworden, mit dem er beim Ausbruch des Aufstandes im Januar in wenigen Tagen Hunderte von Kilometer zur Hilfe herbeigeeilt war, um Okahandja und Omaruru zu entsetzen. Wegen einer nicht auskurierten schweren Malaria hatte er jetzt im August kein eigenes Kommando übernommen, sondern war dem Stab des zweiten Feldregiments Deimlings als Berater beigegeben worden. Franke war seit 1896 im Lande, hatte daher ausgiebige Landeserfahrung, hatte sich mehrfach ausgezeichnet und war sogar zum pour le merite eingegeben worden. Aber Deimling ließ sich dessen ungeachtet nicht beraten. Franke führte ein Tagebuch. Man kann zwar über die Formen und die Angemessenheit seiner Aufzeichnungen geteilter Meinung sein. Jedenfalls kann man aber voraussetzen, daß er sein Tagebuch nicht für die Nachwelt, sondern sehr persönlich für sich selbst und dabei teilweise wohl auch als befreienden Blitzableiter geführt hat. Seine ungeschminkten - mit Verlaub! - Schnodderigkeiten sind für ein Gesamtbild oft aufschlußreicher als wohlgesetzter Konformismus. Frankes Eintragungen zu den Ereignissen des 11. August lauten wie folgt: „Im Morgengrauen des 11. August rücken wir vor Omuverume in eine Artilleriestellung und um 6 Uhr vormittags wird in Richtung auf die Sonne „der erste Schuß gefeuert.“ Um den Effekt besonders zu erhöhen, wurde beim Vormarsch lautlose Stille befohlen. (O, Herr, wie groß ist dein Tiergarten) Nun entwickelt sich ein Theater, das ich gelegentlich besonders zu Papier bringen muß. Jetzt wird es mir doch zu schwer, unmittelbar hintereinander, die Sache zweimal zu durchleben.“ Soweit bekannt, hat Franke dies auch später nicht zu Papier gebracht, aber wiederholt mündlich darüber berichtet. Gefechtsberichte anderer bestätigen seine aufschlußreiche Wiedergabe.

Demnach sei Deimling einige Stunden nach Einnahme der Wasserstellen in der Pforte von Omuverume zunächst zwar befehlsmäßig auf Hamakari zu marschiert, habe dazu aber trotz seiner sehr bedeutenden Kräfte die Abteilung Fiedler mitgenommen, sodaß die Pforte von Omuverume befehlswidrig bis zum nächsten Tag, als Fiedler dorthin zurückgeschickt werden mußte, unbesetzt blieb. Auch habe er ungenügend Patrouillen beidseitig ausgeschickt, sodaß Herero rechts und links der Marschkolonne in entgegengesetzter Richtung entwichen wären und Vieh abgetrieben hätten. Dann habe Deimling die Staubwolken der durstigen Hererorinder, die aus der Omuverume-Pforte zum Quellbach nach Waterberg getrieben wurden, für vom bösen Feind aufgewirbelt gehalten, und sei, um diesen kühn zu schlagen, nach Nordosten abgeschwenkt und mit abgetriebenen Pferden auf Waterberg zu gehastet anstatt wie befohlen nach Hamakari im Südosten zu marschieren.

Für das Verständnis der Gefechtsberichte am Waterberg ist zu berücksichtigen, daß die Herero sich meist zu Fuß bewegten. Sie warfen daher keine großen Staubwolken auf wie große Rinder- oder Ochsenherden, die zu oder vom Wasser getrieben wurden und immer wieder für Truppenbewegungen der Herero gehalten wurden. Dieser Irrtum sollte sich an diesem und dem nächsten Tag noch mehrmals wiederholen und Verwirrungen stiften.

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Das Gefecht bei Hamakari

Die sogenannte Hauptabteilung, bei der sich auch General von Trotha und der Stab befanden, war in der Nacht zum 11. August von Süden her aufmarschiert und war bei Hamakari, wie vorausgesehen, in ein schweres Gefecht verwickelt.

Die in Hamakari aus dem Westen zur Verstärkung erwartete Abteilung Deimling hatte seit dem Morgen mit dem Hauptquartier keine Verbindung aufgenommen. Von Trotha stellte erst gegen Mittag über eine Patrouille zu seiner Überraschung fest, daß mit Deimlings beinahe 500 Mann für den Kampf in Hamakari an diesem Tag nicht mehr zu rechnen war. Währenddessen waren die von Osten in Hamakari zur Verstärkung erwarteten 200 Mann der Abteilung von der Heyde seit Stunden unerklärlich im Busch herumgeirrt, hatten die Hauptabteilung daher trotz wiederholter Befehle desgleichen nicht erreicht, und wurden am Nachmittag von abziehenden Herero aus Waterberg und Omuverume in ein sehr unglückliches Gefecht einige Kilometer östlich von Hamakari verwickelt. Sie zogen sich unter Verlusten zurück und würden an diesem Tag die Hauptabteilung ebenso nicht erreichen. Im Nordosten war die Abteilung Estorff nach einem erfolgreichen Gefecht am Berg befehlsmäßig stehengeblieben.

Die Hauptabteilung bei Hamakari mit nur gut 200 Mann sah sich aber in schwerem Gefecht der zahlenmäßig weit überlegenen Hauptmacht der kriegerischen Herero aus der Landesmitte gegenüber.

Die Lage in Hamakari war plötzlich sehr ernst. In einem besonders kritischen Abschnitt des Gefechts mußten alle Mann in die Schützenlinie, Ärzte, Verwundete, Schreiber, Pferdehalter, Wagenbedeckung. Auch der General lag ruhig schießend und zur Ruhe mahnend in der Schützenkette, bis sich das Gefecht normalisierte.

Von Trotha vertraute spät in der Nacht des 11. August seinem Tagebuch an: „Der schwierigste Moment war, als ich erkannte, daß auf Heydes Herankommen nicht zu rechnen sei, und wir uns die Wasserstelle für die Nacht noch erst erkämpfen mußten. Das Nachführen der Staffeln im heftigen Feuer aus dem Busch war ein übeler Moment. Eine zeitlang war ich in dem Glauben, daß diese Abteilung und das Hauptquartier verloren sei.“ Sowohl die traditionelle mündliche Überlieferung als auch die neuerliche Verklärung der Vergangenheit durch die Herero kommt daher der Wahrheitsfindung insofern entgegen, als die Herero die beiden Gefechte von Hamakari als Siege bezeichnen, und nicht als Niederlagen, die sie zu angeblich kopfloser Flucht veranlaßt hätten. In ihrer Überlieferung reduzieren sich die Gefechte des 11. August zu den „Gefechten (ovita) von Hamakari“.

Dahingegen wirkte Deimlings Besetzung des Quellbachs von Waterberg im Zentrum der halbkreisförmigen Herero-Stellungen südlich des Bergs, wie ein Stich in ein Wespennest. Es verhinderte das Tränken der Omaruruer und anderer Rinderherden und führte noch am frühen Nachmittag zum hastigen Abtrieb großer Herden nach Osten und Südosten und zum Abzug wichtiger Hererogruppierungen.

Dies vereitelte Trothas Strategie einer militärischen Bezwingung der Hererostreitmacht.

Der in Hinsicht auf den Wahrheitsgehalt gelegentlich der Verschleierung bezichtigte Generalstabsbericht entspricht daher voll und ganz den Verhältnissen, wenn er dazu folgendes schreibt: „So endeten die bedeutsamen Kämpfe am Waterberge. Ihr Verlauf war ein ganz anderer, als er von der obersten Führung beabsichtigt worden war. Der Vorstoß der Abteilung Deimling gegen die Station Waterberg verhinderte den für den 12. August erhofften großen Entscheidungskampf, der dem Hererofeldzuge vielleicht ein schnelleres, aber weniger gründliches Ende gebracht haben würde.“ Schon am Vormittag des 11. August waren Herero von sich aus mit Sack und Pack ungehindert nach Osten, Westen und Süden abgezogen, ohne daß die Truppe dem etwas entgegenzusetzen gehabt hätte.

Die Entschlossenheit der Herero zum Entscheidungskampf hatte buchstäblich die Waffen vor den Sorgen um das Wohlergehen ihrer Rinder gestreckt.

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Fragen zu „unzweckmäßiger“ oder „verbrecherischer“ Kriegsführung

Der Generalleutnant von Trotha und seine Truppe - und das muß vielleicht auch einmal gesagt werden - stehen allzu leichtfertig pauschal für unzweckmäßige und brutal gewalttätige Kriegsführung als Sündenböcke in der Kritik. Nach sorgfältiger Einsicht in die mir verfügbaren Quellen, einschließlich des Kriegstagebuchs des Generals von Trotha, kann ich die Vorwürfe, die allgemein erhoben werden, nicht teilen.

Von Trothas zum Beispiel in den 60iger Jahren von einem DDR-Historiker wiederentdeckter und für Propagandazwecke aus dem Zusammenhang genommener und wissentlich oder unwissentlich entstellter sogenannter „berüchtigter Schießbefehl“ war eine lokalisierte defensive Notmaßnahme, deren Bedeutung für und Auswirkung auf den Hererokrieg gänzlich unangemessen überschätzt wird, weil sie unter den Herero nicht bekannt wurde.

Ebenso wird von Trotha bzw. seinem Stab vorgeworfen, daß man fälschlich die Schlacht am Waterberg als herrlichen Sieg dargestellt habe, daß man zweitens den Durchbruch der Herero in das angeblich wasserlose Sandfeld nach Osten nicht nur habe verhindern können, sondern sogar geplant habe, und daß man drittens die Abteilungen der Truppe verzettelt und somit die Schlacht am Waterberg verloren habe. Die Wirklichkeit war, wie bereits angedeutet, eine andere.

Das Telegramm mit dem Bericht des Generalstabs von den Kämpfen am Waterberg an den Kaiser in Berlin ist vielleicht geschönt, das verlangte schon die Öffentlichkeit, enthält aber keine Unwahrheiten. Es lautet: „Zersprengt und im Rückmarsch nach allen Seiten begriffen bewegt sich die Hauptmasse des Feindes nach Osten, wohin ich ihnen den Abzug verlegen werde.“ Hier ist im Gegensatz zu den bekannten Vorwürfen von einer geplanten Verhinderung einer Vertreibung in den wasserlosen Osten die Rede und davon, daß die Herero freiwillig nach allen Seiten und nicht nur nach Osten abzogen.

Die Kritik an der für einen Angriff a la Sedan übermäßigen Verzettelung der Abteilungen, die der damalige Adjudant im Stabe Trothas, von Lettow-Vorbeck, im Nachhinein vorbrachte, ergab sich zwar aus der Realität einer Angriffsfront von etwa 40 Kilometer gegen einen zahlenmäßig überlegenen Feind. Am Waterberg aber schrieben die Topographie und die relativ schwachen Kräfte der Truppe den wahrscheinlich einzig erfolgversprechenden Schlachtplan vor, und weniger die zufälligen Übereinstimmungen mit den Schlachten von Cannae oder Sedan. Der Durchbruch der Herero während der Schlacht nach Osten ergab sich im Gegenteil aus den überraschenden oder unvorhersehbaren militärischen Pannen oder Friktionen, die den planmäßigen Einsatz des Zweiten Feldregiments Deimlings und der Abteilung von der Heyde durchkreuzten.

Daß die Truppe den von Trotha angekündigten Abzug der Herero auch nach der Schlacht nicht verhinderte, lag gleichermaßen daran, daß die Verfolgung abgebrochen werden mußte, als sich nach zwei Tagen herausstellte, daß die Abteilung Deimling entgegen der Weisungen des Oberkommandos weder für Pferde noch für die Mannschaften eine eiserne Ration mitgenommen hatte und nun hungerte. Trotha schreibt dazu in sein Tagebuch in Bezug auf Deimlings Fehleinsatz des Zweiten Feldregiments: „Bloß, nur um zu Hause zu melden, wir haben 30 Kilometer verfolgt und konnten nicht mehr!…..nun müssen wir von vorne anfangen, respektive es ist vorbei!“ Außerdem waren die vielen in der Pferdehaltung unerfahrenen Soldaten des Zweiten Feldregiments im Tränken und Füttern ihrer Pferde nachlässig gewesen, sodaß Hunderte wertvoller Tiere eingingen oder unbrauchbar waren und ganze Truppenteile unbeweglich wurden.

Diese unbedeutend anmutenden, vielleicht als Detail belächelten Tatsachen, widerlegen jedoch überzeugend die vorsätzliche Vertreibung der Herero in das Sandfeld.

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Gedanken zu der Frage, ob Zeitgeschichte im Allgemeinen und die Geschichte des Hererokriegs im Besonderen überhaupt wahrheitsgemäß geschrieben werden kann.

Wer vom Ausland her, also sozusagen von außen auf die heutige deutsche Kolonial-Historikerszene blickt, dem kann eine merkwürdig befangene Art der Nabelschau auffallen, die als eurozentristisch und in unserem besonderen Fall als germanozentristisch bezeichnet werden könnte und wird. Man spricht sogar von einem deutschen brutalisierenden Sonderweg.

Selbstverständlich ist zu berücksichtigen, daß dabei Deutschland durch seine unglückliche und teilweise unbewältigte Vergangenheit zweier Weltkriege und der 12jährigen verheerenden Hitlerzeit geprägt ist, mit der DDR-Episode als einer ihrer verhängnisvollen Folgen. Ohne diese Vorgeschichte hätte es Auswüchse wie die „Kolonialschuldlüge“ oder die Hypothese von dem Völkermord an den Herero nicht gegeben. Letzteres Propagandaprodukt eines im übrigen hinter seiner Mauer sorgfältig recherchierenden DDR-Historikers ist seit Jahren Ausgangspunkt und Quellenwerk für archivalienscheuende Schnellschreiber geworden.

Nicht gerade erleichtert wird die historische Wahrheitsfindung durch die allerdings nicht auf Deutschland beschränkte Bewegung der 68iger und ihrer „Post-Modernisten“, welche faktische Geschichtsschreibung als subjektive Wahrnehmung abtun. In seinem geistreichen letztjährigen Büchlein über die Wahrheit rechnet der Princeton Philosophie-Professor Harry G. Frankfurt bitterböse mit den „schamlosen Verdrehern der Alltagsvernunft, diesen Post-Modernisten“, auch unter den Historikern ab. Es seien gebildete Menschen, die Wahrheit als etwas ansähen, das keine besondere Achtung verdiene: - es gäbe aber eine Dimension der historischen Realität, die selbst die kühnste Zügellosigkeit der Subjektivität nicht wagen könne anzugreifen. Er zitiert dazu des französischen Staatsmannes Clemenceau berühmte Antwort auf die Frage, was Historiker wohl über den ersten Weltkrieg an subjektiven Versionen sich ausdenken würden: „Sie werden nicht sagen können, daß Belgien in Deutschland einmarschiert ist!“ Solche historische Realität bestätigt ebenso der marxistische Historiker Hobsbawm, indem er betont, daß es außer postmoderner Subjektivität eine historische Realität gebe und zwar mit dem schlagenden Hinweis: „Entweder ist Elvis Presley tot oder er ist es nicht“. (Meine Söhne äußerten sich bezeichnenderweise zu dieser geistreichen Maxime mit dem Studentenscherz, daß doch jeder wisse, daß Elvis, Che Guevara, Stalin und Hitler an einem geheimen Ort in den Anden lebten.) Von außen betrachtet erscheint es dennoch längst überfällig, den Kolonialismus auch in Deutschland als breit angelegtes gesamteuropäisches Projekt zu verstehen. Es gibt in der Tat Ansätze in der modernen Geschichtsschreibung, die Rolle des Deutschen Kaiserreichs in der Welt vor 1914 nicht nationalgeschichtlich isoliert, sondern, wie es jetzt heißt, „transnational“ zu sehen und das damalige Deutschland nicht als Insel zu verstehen. Wen wundert es, wenn bei solchem Paradigmenwechsel hin zu einer weltoffenen Geschichtsbetrachtung die von einem deutschen schuldbeladenen Sonderweg überzeugten Historiker dabei eine fehlende Berücksichtigung angeblich brutaler Gewaltanwendungen und genozidären Vernichtungswillens in den Kolonien beklagen?

Heute werden daher noch vielfach Quellenforschung und historisch wesentliche intime namibische Landeskenntnisse als geschichtswissenschaftlich irrelevant und allzu schlicht oder als mit einem „trivialpositivistischen Objektivitätsideal“ - auf deutsch Faktenhuberei behaftet, abgetan. Diesen Eindruck vermittelt zum Beispiel ein Sammelband mit im Jahre 2003 erschienenen Beiträgen von neun Akademikern, in denen sie sich, wie sie es nennen, für den „ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts an den Herero“ engagieren. Die Einleitung teilt uns folgendes mit: „Wir reklamieren dabei weder Neutralität noch Unparteilichkeit, sondern das genaue Gegenteil“. Es handele sich um eine Auseinandersetzung, die mehr mit ihnen selbst aus ihrer europäischen Perspektive zu tun habe. Mit dieser Erklärung wurden, wie ein namibischer Akademiker nicht ganz zu Unrecht polemisierte, die Beiträge dieser neun Autoren augenblicklich zu historischer Makulatur. Außer dem Autor dieser Einleitung verbrachte meines Wissens immerhin noch einer dieser vorgeblichen Namibiakenner eine längere Zeit in Namibia.

In einem Vortrag von 27 Seiten mit nun eigenen „faktenhuberischen“ etwa 150 Literaturangaben (übrigens meist aus der Sekundärliteratur) holte kürzlich einer dieser engagierten Historiker zu amüsanten Rundumschlägen aus. Im Namen eines angesehenen Instituts gab er seinem professoralen Zorn auf die Entfernung des umstrittenen Worts „Genozid“ aus einer Namibia betreffenden Bundestagsresolution Ausdruck. Er behauptete unter anderem, das Deutsche Auswärtige Amt brächte sich damit in die direkte Verbindung mit revisionistischen Aktivitäten, die sowohl den Genozid als auch den Holocaust verneinten. Gerade diese Hypothese vom Zusammenhang kolonialer Begriffe und des Holocausts wiederum lehnten unlängst jedoch andere Historiker scharf als unerfindlich und wenig plausibel ab.

Es wird in der namibischen Kolonialgeschichtsschreibung zuviel geglaubt, gemeint und für wahrscheinlich gehalten - und trotzdem kräftig bewertet. Eine gewisse Hilflosigkeit stellt sich ein, wenn man die unterschiedlichen, sich widersprechenden Äußerungen von Historikern vernimmt, bei denen allen man doch zunächst Aufrichtigkeit voraussetzen möchte.

Vielleicht muß man in diesem Dilemma der Wahrheitsfindung die in den Naturwissenschaften übliche Präzision zu Hilfe holen. Der ungemein vielseitige Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger Konrad Lozenz hält mit seiner Ansicht über die Verschwommenheit der Geisteswissenschaften nicht zurück, indem er sie wie folgt verspottet: “Was man denkt ist meistens falsch, aber was man weiß ist richtig“. Dementsprechend würde eine herrschende Ansicht oder Hypothese auch der Naturwissenschaft nie durch ihr widersprechende Tatsachen widerlegt, sondern nur durch eine andere Hypothese, die mehr Tatsachen einzuordnen vermag, als sie selbst. „Wahrheit“, so Lorenz, sei somit jene Arbeitshypothese, die am besten geeignet sei, den Weg zu jener anderen zu bahnen, die mehr Tatsachen zu erklären vermag. In unserem Fall müßte dies eine Hypothese sein, die die vielen bisher ignorierten und belächelten Primärquellen und Tatsachen zum Beispiel zur bisherigen Version der Schlacht am Waterberg und ihrer Folgen zu erklären und einzuordnen vermag. Da wird es freilich eng für pauschalisierende Deutungsmuster dieser Schlacht am Waterberg und für sinnstiftende Geschichtsklitterungen ihrer schicksalhaften Folgen.

Im Zusammenhang mit der derzeit herrschenden Debatte über Reparationen für einen angeblich kaiserlich-deutschen Genozid an den Herero vor 100 Jahren wird ein politischer Entschluß über die Zukunft der Beziehungen der Bundesrepublik zu den Herero kaum auf eine ereignisgeschichtlich unverfälschte Basis gegründet werden können. Der Genozidbegriff hat durch inflationären Gebrauch sprachlich, und auch durch die weitgreifenden Fassungen juristisch zuviel an Griffigkeit für eine Verhandlungsbasis verloren. Während der wahre Verlauf des Hererokrieges im wesentlichen bekannt ist und meist sogar von der mündlichen Überlieferung der Herero bestätigt wird, sind die tagespolitisch, propagandistisch und ideologisch orientierten Versionen vielfach weit davon entfernt. Dies verschafft wohl für die Tagespolitik die erwünschte Bandbreite und ist daher verständlich und vielleicht sogar unumgänglich, aber kaum eine vielversprechende Verhandlungsbasis.

In der Frage, ob die Geschichte des Hererokrieges überhaupt wahrheitsgemäß geschrieben werden kann, gibt es demnach Lichtblicke, aber typischerweise wies mich ein „studierter Historiker“ kürzlich darauf hin, daß Geschichte nur Literatur sei. Das wüßte man spätestens seit Winston Churchill für seine sechs-bändige Geschichte der beiden Weltkriege im Jahre 1953 den Nobelpreis für Literatur erhalten habe. Meine Verblüffung legte sich erst, als mir bewußt wurde, daß es einen Nobelpreis für Geschichte gar nicht gibt, aber vielleicht war auch das nur eine subjektive Wahrnehmung.

Meine Damen und Herren, abschließend möchte ich mich dem römischen, in Politik und Verwaltung erfahrenen, Historiker Sallust anschließen, der über die Kunst Zeitgeschichte zu verfassen schon vor 2000 Jahren schrieb: „Arduum Res Gestas scribere.“ Beschwerlich ist’s (Kriegs-) Geschichtliches zu schreiben

Ich danke Ihnen.

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Literaturauswahl

1. Conrad, S., Osterhammel, J., Das Kaiserreich transnational, Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen 2006

2. Bänziger, A., Die Saat der Dürre, Lamuv Vlg. Bornheim-Merten 1986

3. Edgerton, R.B., The Individual in Cultural Adaption, A Study of Four East African Peoples. UNIV. California Press 1971

4. Franke, V., Tagebücher, teilweise unveröffentlicht

5. Gerwarth, R. und Malinowski, S., Der Hererokrieg und der Holocaust: Zur Kritik der neuesten Sonderwegthese. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2007

6. Kössler, R., Genocide, Apology and Reparation. Paper. AEGIS Conference, July 2007

7. Mc.Netting, R., Cultural Ecology. Cummings Publishing Co. Inc. 1977, Menlo Park, California

8. Melber, H., (Herausg.) Genozid und Gedenken, Brandes und Apsel, Frankfurt/M 2005

9. Moran, E.F., People and Nature., Human Ecological Relations., Blackwell, Oxford 2006

10. Raphael, L., Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme., Beck. München 2003

11. Scholz F., Nomadismus., Franz Steiner, Stuttgart 1995

12. Zimmerer J., Angst vor der Gewalt?, Frankfurter Allgemeine Zeitung 11. Juli 2007

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