Aufstand
Für den Besucher von Lüderitz in Südwestafrika (Namibia) bietet der Nautilusberg nördlich des Ortes ein lohnenswertes Ausflugsziel. Lässt er von dort den Blick über die weite Bucht schweifen, so erblickt er vier in Nord-Süd-Richtung direkt vor der Küste liegende Inseln. Für uns hier ist die südlichste, die Haifischinsel, von besonderem Interesse, war sie doch vor hundert Jahren der Schauplatz einer bis jetzt der deutschen Öffentlichkeit so gut wie unbekannt gebliebenen Tragödie in der Geschichte dieser ehemaligen deutschen Kolonie: Des Dahinsterbens von mehr als tausend Nama (damals Hottentotten genannt) und einer amtlich nicht ermittelten Zahl von Herero, die zusammen mit ihren Frauen und Kindern während des großen Aufstands dieser beiden Völkerschaften und danach von der Schutztruppe in einem hier eingerichteten Kriegsgefangenenlager untergebracht worden waren.
Wir wollen nun zunächst die Gründe untersuchen, die zur Deportation der kriegsgefangenen Nama und Herero auf diese nur durch einen Verbindungssteg mit dem Festland verbundene, den rauen Atlantikwinden ausgesetzte vegetationslose Felseninsel geführt haben.
Nach der Niederschlagung des Aufstandes der Herero im August 1904 hatten sich zwei Monate später auch die Nama gegen die deutsche Herrschaft erhoben. Bei der Bekämpfung dieses Volkes hatte die Schutztruppe einen wesentlich schwereren Stand als gegen die Herero, da es offene Feldschlachten mied und ihr einen zermürbenden Kleinkrieg lieferte, der sich über Jahre hinzog. So musste die Truppe ihre Kräfte bündeln und die einzelnen Nama-Teilstämme nacheinander niederkämpfen.
Als erster Teilstamm streckten die Witbooi-Nama im Winter 1905/06 die Waffen. Sie wurden zunächst im Einklang mit dem ihrem Kapitän Samuel Isaak gegebenen Versprechen der bedingten Freiheit in ihrem heimatlichen Gibeon zwangsangesiedelt und dort unter Bewachung gehalten. Als bald danach jedoch einige der Witboois ausgebrochen waren, wurde der gesamte Stamm auf Weisung des Gouverneurs v. Lindequist unter Bruch des gegebenen Versprechens in ein Kriegsgefangenenlager bei Windhuk überführt.
Nicht anders erging es den Bethanier-Nama unter Cornelius Frederick. Sie wurden nach ihrer Kapitulation Anfang März 1906 zunächst in ein Internierungslager bei Karibib geschafft und von dort später in ein Kriegsgefangenenlager bei Karibib. Hier wurden sie – gleich den Witboois – unter scharfer Bewachung zu Gleisarbeiten herangezogen.
Für viele der Gefangenen waren die harten Arbeits- und Lebensbedingungen unerträglich, und so kam es auch hier zu zahlreichen Ausbrüchen. Als dies bekannt wurde, machte sich große Unruhe unter der weißen Bevölkerung bemerkbar. Schon befürchtete man ein Wiederaufleben der Kämpfe im Süden. So schrieb die Keetmannshooper Zeitung „Der Deutsche“ in ihrer Ausgabe vom 1 . August 1906: „Vor einigen Tagen lief hier (in Keetmannshoop – d.Verf.) die Kunde ein, dass von den gefangenen Witboois aus Windhuk 13 weggelaufen sind. Das alte Bild! Unsere braven Soldaten hetzen die gelben und braunen Halunken, bis sie sich schließlich kampfesmüde ergeben... In die heimatlichen Gefilde von Gibeon kehren jene 13 nicht zurück, dort können sie sicher sein, bald aufgegriffen zu werden. Nein, die gehen zu ihren gelben Brüdern von Gochas (gemeint sind die noch im Kampf gegen die Schutztruppe stehenden Franzmann -Nama unter Simon Kopper – d.Verf .) wieder an den Rand der Kalahari, graben ihre im Sand der Dünen seinerzeit vor der Übergabe verbuddelten Gewehre aus und dann kann das lustige Kriegs- und Räuberleben gegen den gutmütigen, niemals ´helle´ werdenden deutschen Michel wieder losgehen . Und mancher brave deutsche Reiter wird sein Leben lassen müssen...“ 1 Im Gouvernement in Windhuk machte man sich daher Gedanken darüber, wie man dieser Gefahr am besten begegnen könne, und kam schließlich auf die Idee, die Gefangenen in eine der anderen Kolonien des Reiches zu verbannen, sobald der Aufstand der Nama niedergeworfen sei. Doch schon im Laufe des ersten Halbjahres 1906 nahm die Zahl der kriegsgefangenen Nama derart zu, dass die Truppenführung sich schließlich außerstande sah, genügend Personal für die Bewachung der Gefangenenlager abzustellen. Die Folge war, dass immer mehr Gefangenen die Flucht gelang. Deimling, Nachfolger Trothas als Kommandeur der Schutztruppe, erklärte daraufhin, dass er nicht mehr für die Sicherheit der weißen Zivilbevölkerung die Verantwortung übernehmen könne, und drängte auf eine rasche Lösung des Problems.
Gouverneur v . Lindequist telegrafierte daher am 10. Juni 1906 an die Kolonialabteilung in Berlin: „V. Deimling hat angeregt, dass die von mir nach beendigtem Krieg in Aussicht genommene Deportation von Hottentotten schon jetzt stattfindet. Da ich um desto weniger Bedenken habe, als neuerdings gefangene Witboois entflohen sind, schlage ich vor, gesamten Stamm der Witboois nach Samoa, Anhang des Cornelius von Bethanien und gefangene Simon-Kopper-Leute nach Adamaua (Landschaft in Kamerun – d.Verf.) zu deportieren.
Deportation etwa auf die Gross-Leute zu beschränken, sehr bedenklich, solange Kriegszustand herrscht.“2 In der Kolonialabteilung reagierte man sehr reserviert auf das Telegramm. So heisst es in einer vom zuständigen Sachbearbeiter der Abteilung, Golinelli, stammenden Marginalie hierzu: „Scheint mir sehr bedenklich. Es muss doch möglich sein, die Leute im Schutzgebiet ausreichend zu bewachen. Geht das nicht, dann sollte man die Leute lieber nach Deutschland bringen und hier arbeiten lassen.“ Wegen der hohen Transportkosten konnte man sich indes in Berlin zu einer Deportation ganzer Stämme des Namavolkes weder nach Deutschland noch nach einem anderen Schutzgebiet entschließen. Stattdessen wurde nun erwogen, lediglich die Großleute des Witbooi- und des Bethanier-Stammes abzuschieben, und zwar nach Adamaua. Weil jedoch der Gouverneur von Kamerun dies „wegen der politischen Lage für bedenklich“ hielt und auch eine stattdessen in Betracht gezogene Deportation nach Togo oder Ostafrika aus dem gleichen Grunde auf Widerstand stieß, wurde eine der Marianen-Inseln mit Zustimmung des Gouverneurs von Neu-Guinea in Aussicht genommen. Indes konnte man sich aber wegen der hohen Kosten für Transport, Unterhalt und Verpflegung der nach dieser Insel zu Deportierenden nicht einigen, und so schlief die Angelegenheit in der Folgezeit ein.3
(Jahre später geschah dann doch noch die Deportation kriegsgefangener Nama nach Kamerun. Hierauf wird in einem anderen Aufsatz auf dieser homepage eingegangen.)
Inzwischen aber hatte man eine wesentlich kostengünstigere Lösung des Gefangenenproblems gefunden, die obendrein noch eine erhebliche Zahl von Bewachungspersonal für die fechtende Truppe freisetzte: Die Verlegung der kriegsgefangenen Witboois und Bethanier mit ihren Angehörigen von Windhuk bzw. Karibib zur Haifischinsel, genügte hier doch lediglich die Postierung eines Maschinengewehres mit Bedienung auf dem zur Insel führenden Steg, um die Gefangenen in Schach zu halten!4
Auf der Nordspitze der Insel war bereits 1905 ein Lager für einige hundert Herero eingerichtet worden. Da der Aufstand dieses Volkes gegen die deutsche Kolonialherrschaft schon im Jahre vorher niedergeschlagen worden war und man im Falle des Entlaufens dieser Gefangenen keine große Gefahr mehr für die Sicherheit der weißen Bevölkerung sah, genossen sie eine relative Bewegungsfreiheit. Soweit gesund, wurden sie tagsüber zu Arbeiten im Bereich Lüderitzbucht eingesetzt und kehrten abends zur Haifischinsel zurück.5
Anfang September 1906 wurde mit der Deportierung der kriegsgefangenen Witboois und Bethanier begonnen. Es waren bejammernswerte Gestalten, gezeichnet von Krankheiten und Unterernährung, die zur Haifischinsel getrieben wurden! Hier erwartete sie ein noch viel schlimmeres Los als vorher während ihrer Zeit im Felde und in den ersten Kriegsgefangenenlager. Für fast die Hälfte von ihnen wurde die Haifischinsel buchstäblich zur Todesinsel!
Über die Leidensgeschichte der Kriegsgefangenen in dem Insellager und ihre Arbeitsbedingungen auf dem Festland gibt es eine ganze Reihe amtlicher und privater Unterlagen, in denen auch die Sterbefälle detailliert aufgeschlüsselt werden. Hierauf wollen wir im Folgenden zu sprechen kommen.6
Gleich nach Überführung der Gefangenen besuchte Oberst Deimling die Haifischinsel, um sich persönlich ein Bild von ihrer Lage zu machen. In seinem Nachlass findet sich hierüber folgender Bericht: „Ich besuchte das Gefangenenlager auf der Haifischinsel, wo etwa 3000 Gefangene, ihre Familien eingeschlossen, untergebracht waren. Die Leute erhielten Zelte, wollene Decken, Holz zum Feuermachen. Sie erhielten pro Tag und einer Person 400 gr. Reis, wöchentlich ½ Pfund Fleisch, Fett und Kaffee nach Belieben und etwas Plattentaback. Gewiss, die Haifischinsel war kein Paradies. Das soll ein Gefangenenlager ja auch nicht sein. Aber es war für die Gefangenen ausreichend gesorgt...“7 Ende September 1906 besuchte auch Gouverneur v. Lindequist die Gefangenen auf der Haifischinsel „und konnte durch Befragen der Vormänner der beiden Stämme (Witboois und Bethanier – d. Verf.) feststellen, dass die Gefangenen mit ihrer Behandlung und Verpflegung damals durchaus zufrieden waren.“8
Offenbar aber müssen Daimling und Lindequist eine Besichtigung des Gefangenenlagers überhaupt nicht vorgenommen und sich wahrscheinlich nur auf Falschangaben der Großleute der beiden Stämme verlassen oder wider besseres Wissen berichtet haben. Die Wirklichkeit sah nämlich zu dieser Zeit völlig anders aus! Darüber erfahren wir aus einem Bericht des in Lüderitzbucht tätig gewesenen Missionars Laaf der Rheinischen Mission, den dieser am 5.
Oktober, also schon nach dem Besuch Lindequists, geschrieben hatte: „Seit einigen Wochen sind fast sämtliche gefangenen Hottentotten hier, ca. 1700 Seelen...Eine große Zahl der Leute ist krank, meist an Skorbut, und es sterben wöchentlich 15 – 20. Samuel Izaak, der mein Dolmetscher ist, sagte mir unlängst, dass seit dem 4. März, an welchem Tage er sich den Deutschen gestellt hatte, 517 von seinen Leuten gestorben seien. Heute ist diese Zahl noch grösser. Von den Herero sterben ebenso viele, sodass man im ganzen durchschnittlich wöchentlich 50 rechnen kann. Wann wird dieser Jammer ein Ende nehmen?
Die Leute werden ganz gut versorgt, sowohl mit Kleidung als auch mit Proviant, letzteren können sie nicht alle essen. Aber das Klima ist zu ungünstig...“ 9 10 Trotz Laafs Eingabe hatte die zuständigen Behörden nichts unternommen, um dem Sterben auf der Haifischinsel Einhalt zu gebieten. Bedingt durch die völlig ungewohnte, vitaminarme Verpflegung, das sonnenarme, feuchtkalte Küstenklima und vor allem den Zustand völliger Erschöpfung war die Widerstandskraft der Gefangenen gegen Krankheiten, insbesondere Skorbut, sehr geschwächt, so dass der Tod in ihren Reihen reichliche Ernte hielt und die Sterberate noch weiter in die Höhe schnellte.
Daraufhin schrieb Laaf am 20. Dezember 1906 einen zweiten Bericht an seinen Vorgesetzten, den Präses Fenchel in Keetmannshoop. Hierin heisst es: „Das Sterben unter den Nama ist noch erschreckend hoch. Es kommen öfter Tage vor, an denen 18 Personen sterben. Heute sagte Samuel Izaak zu Br. Nyhof: „Dat volk is gedaan.“ – Wenn es so weiter geht, wird es nicht lange dauern, bis das Volk vollständig ausgestorben ist.11
Nun handelte Fenchel. Am 26. Dezember sprach er Deimling, der gerade in Keetmannshoop weilte, auf die Zustände auf der Haifischinsel an und fragte ihn, „ob er denn nicht die Hunderte von Frauen und Kindern, die dort unnötigerweise hinsterben, zu einem anderen Ort bringen könne.“ Dieser sagte sofort Schritte zu, doch kamen ihm Bedenken, was die Verlegung der Männer anbetraf, da ihre Führer, Samuel Isaak und Cornelius, nach Fenchels Angaben“ sehr niedergeschlagen, ja erbittert über ihr Los seien.“ „Um so mehr“, sagte Deimling, „werde ich vorsichtig sein müssen, die Leute loszulassen.“12
Doch trotz seiner Bedenken beschloss Deimling noch im Dezember, die mitgefangenen Frauen und Kinder nach dem Burenkamp 13 zu überführen. Zu einer Verlegung auch der Männer konnte er sich allerdings „wegen der Gefahr ihres Entweichens und der Befürchtung, dass dadurch neue Schwierigkeiten dem Lande entstehen möchten“14 nicht entschließen. Die Überführung der Frauen und Kinder zum gesünder gelegenen Burenkamp musste jedoch bald wieder rückgängig gemacht werden, „weil die Männer die Wiedervereinigung mit ihren Familien verlangten.“15 Anfang April 1907 löste Major v. Estorff Deimling als Kommandeur der Schutztruppe ab.
Eine seiner ersten Amtshandlungen war ein Besuch der Haifischinsel, wo er sich selbst ein Bild von den ihm zu Ohren gekommenen bösen Zuständen machen wollte. Seine Befürchtungen übertrafen die schlimmsten Erwartungen: Betrug die Sterberate unter den gefangenen Nama und Herero im September noch 66, im Oktober 143 und im November 166, so hatte sie die Wintermonate über drastisch zugenommen und erreichte im Dezember ihren Höhepunkt mit 276 Verstorbenen und belief sich im Januar 1907 noch auf 247, um dann mit 143 im Februar und 155 im März langsam abzunehmen. 16 Am 16. Februar war auch Cornelius Frederick gestorben.
Entsetzt über die traurige Lage der Gefangenen drahtete v. Estorff am 10. April 1907, zwei Tage nach seinem Besuch auf der Haifischinsel, an das Oberkommando der Schutztruppen in Berlin: „Ich habe am 8. April befohlen, dass Hottentotten der Haifisch-Insel nach Burenkamp bei Lüderitzbucht zu verbringen, soweit Sicherheit besteht. Flucht dort zu verhindern. Hauptmann von Zülow, Kommandant Lüderitzbucht, meldet Befehl in Ausführung. Samuel Izaak mit Frauen, Kindern bereits in Burenkamp. Ausreichende Bewachung gewährleistet.
Kettengefangene interniert. Veranlassung zur Massregel ist Meldung von Zülow´s, dass von 245 Männern nur periodisch 25 arbeitsfähig alle übrigen sich nur noch an Stöcken fortbewegen, sodass weiterer Verbleib auf Haifisch-Insel Hottentotten einem langsamen aber sicheren Tod entgegenführt. Von September 06 sind von 1795 Eingeborenen 1032 auf Haifisch-Inseln gestorben. Für solche Henkersdienste, mit welchen ich auch meine Offiziere nicht beauftragen kann, übernehme ich keine Verantwortung, besonders nicht, da Ueberführung und Festhaltung Hottentotten auf Haifisch-Insel Bruch Versprechens bedeutet, das ich mit Genehmigung Kommandeurs Samuel Izaak und Leuten bei Uebergabe gegeben habe.“17 Kaum hatte der Stellvertretende Gouverneur Hintrager von Estorffs Absicht, die Gefangenen auf das Festland zu verlegen, erfahren, legte er sofort Protest hiergegen ein und meldete nach Berlin: „ Ich habe mich dafür erklärt, dass Gefangene bis zur völligen Beruhigung des Landes auf der Insel verbleiben, da ausserhalb der Insel bei aller Vorsicht Entfliehen nicht zu verhindern, und da die Flucht jedes einzelnen der sehr erbitterten Gefangenen erneute Unruhen und Feinseligkeiten verursachen kann. Erbitte Entscheidung. Hintrager.“18 Man frage sich, wie diese schwerkranken, kaum noch fortbewegungsfähigen Menschen, von denen viele vom Tode gezeichnet waren, zur Flucht imstande sein, geschweige denn noch eine Gefahr für die Sicherheit des Landes darstellen könnten!
In Berlin schlug Estorffs Telegramm wie eine Bombe ein. Kolonialdirektor Dernburg, Leiter der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes (ab Mai 1907 Staatssekretär und Leiter des neugegründeten Reichskolonialamtes), der erst durch dieses Telegramm von den unglaublichen Zuständen auf der Haifischinsel erfuhr, forderte sogleich einen genauen Bericht hierüber beim Truppenkommando in Windhuk an. Gleichzeitig stimmte er trotz Hintragers Bedenken der von Estorff verfügten Verlegung aller überlebenden Nama auf das Festland zu.19
In seinem Antworttelegramm20 wies Estorff darauf hin, dass die Sterblichkeit unter den Gefangenen auf der Insel von Anfang an hoch gewesen sei, und gab dann die schon weiter vorn angeführte genaue Aufschlüsselung der monatlichen Sterberate. Anschließend verwies er darauf, dass sich das Gouvernement der Absicht des Truppenkommandos widersetze, die gefangenen Namafrauen mit ihren Kindern in den gesünderen Norden der Kolonie zu bringen, indem es darum „bat, sie wieder nach Insel zurück zu bringen unter Hinweis, dass England in Südafrika 10 000 Weiber Kinder in Lagern sterben liess.“21 Dieser Hinweis lässt wahrhaftig auf einen kaum zu überbietenden Zynismus schließen und zeugt von einer menschenverachtenden Denkweise! Wollte man hiermit das eigene Geschehenlassen des Massensterbens auf der Haifischinsel rechtfertigen?
Auf die Aufforderung Dernburgs hin 22 verfasste das Distriktamt Lüderitzbucht am 26. April 1907 einen Bericht über die Zahl und den Gesundheitszustand der inzwischen von der Haifischinsel auf das Festland verlegten Nama-Gefangenen mit ihren Frauen und Kindern.
Daraus ist ersichtlich, dass am 24. April von den überlebenden Nama – ihre Gesamtzahl betrug noch 573 – 123 so schwer erkrankt waren, dass der Tod zu erwarten war. Von dem Rest waren 50% der Männer, 25% der Frauen und 25% der Kinder krank mit teilweiser Chance auf Heilung. Insgesamt war seit dem Verlassen der Insel ihre Sterblichkeit auf ein Fünftel herabgesunken.23
Ebenso wie die kriegsgefangenen Herero wurden auch die Witbooi- und Bethanier-Nama – auch ihre Frauen! – während ihrer Gefangenschaft auf der Haifischinsel und nach ihrer Rückführung auf das Festland zu Arbeitseinsätzen, vor allem im Bahn-, Wege- und Straßenbau, herangezogen, sobald ihr Gesundheitszustand dies wieder zuließ. Unter welch schweren, ja teilweise unmenschlichen Bedingungen sie ihre Arbeit verrichten mussten, darüber gibt es eine ganze Reihe von Quellen. So heisst es beispielweise in der „Deutschen Kolonialzeitung“, dass „1000 kriegsgefangene Männer und Weiber“ bei den Erdarbeiten für den Bahnstreckenabschnitt von Lüderitzbucht nach Kubub eingesetzt wurden, „die allerdings infolge schlechter Ernährung vor ihrer Gefangennahme wenig leistungsfähig und Erkrankungen ausgesetzt waren.“24 Nach Statistiken der Bauarbeiten an der Südbahn zwischen Lüderitzbucht und Keetmannshoop waren im Zeitraum von Januar 1906 bis Juni 1907 insgesamt 2014 Häftlinge aus dem Gefangenenlager auf der Haifischinsel eingesetzt. Davon starben 1359 während der Bauarbeiten.25
Abschließend sei noch erwähnt, dass die Kriegsgefangenschaft der Nama in Deutsch-Südwestafrika nie offiziell aufgehoben worden war. So gab es noch im Januar 1915, also fast ein halbes Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Nama-Kriegsgefangene in der Kolonie, wie aus einem an das Gouvernement in Windhuk gerichteten Schreiben des Kaiserlichen Eingeborenen-Kommissars vom 18. Januar 1915 hervorgeht26 – im Gegensatz zur Kriegsgefangenschaft der Herero, die durch Rundverfügung vom 26. März 1908, R Vg. 8295, amtlich für beendet erklärt wurde.27
AA = Auswärtiges Amt
BAB = Bundesarchiv Berlin
KA = Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes
MA = Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg im Breisgau
NAN = National Archives of Namibia, Windhoek
NL = Nachlass
RKA = Reichskolonialamt
ZBU = Zentralbureau des Gouvernements von Deutsch-Südwestafrika
1) Archivquellen Bundesarchiv Berlin (BAB): Bestand R1001, Aktenbände 2090, 2091, 2140 Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg (MA): N559/v.3: NL Deimling National Archives of Namibia, Windhoek (NAN): ZBU-Akte D IV
2) Zeitschriften/Zeitungen „Deutsche Kolonialzeitung“ – Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft, Berlin Jg. 1906 „Der Deutsche“, Keetmanhooper Tageblatt, Jg.1906
3) Sonstige Veröffentlichungen Estorff, Ludwig von: „Wanderungen und Kämpfe in Südwestafrika, Ostafrika und Südafrika 1894 – 1910. Unveröffentlichte Dokumente zur Kolonialgeschichte Afrikas“ Hrsg. Christoph-Friedrich Kutscher. Wiesbaden 1968
Nordbruch, Claus „Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika? Widerlegung einer Lüge“, Tübingen 2004
Nuhn, Walter „Sturm über Südwest – Der Hereroaufstand von 1904“ 4.Auflage Bonn 1997
Nuhn, Walter „Feind überall – Guerillakrieg in Südwest – Der große Namaufstand 1904 – 1908“, Bonn 2000
Zeller, Joachim und Zimmerer, Jürgen (Hrsg.): „Völkermord in Deutsch-Südwestafrika – Der Kolonialkrieg (1904 – 1908) in Namibia und seine Folgen“, Berlin 2003
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1 BAB, RKA Nr.2090, Bl.94: Zeitungsausschnitt „Der Deutsche“
2 Ebenda, Bl.62: Lindequist an KA, 10.07.1906
3 Siehe hierzu BAB, RKA Nr. 2091, B1. 71: Lindequist an KA, 23.7.1906; BAB, RKA Nr. 2090, B1. 72: KA an Lindequist, 28.7.1906; ebenda, Bl. 85-86: Schreiben zu K 13562/06.
4 Siehe hierzu BAB, RKA Nr. 2140, B1. 157
5 Siehe Chronik der Gemeinde Lüderitzbucht, Archives of the Evangelical-Lutheran Church in the Republic of Namibia, Vol. 16, B1. 21 – 26; entnommen aus: Zimmerer/Zeller, S. 56.
6 Bezeichnenderweise bezieht sich Nordbruch in seinem Werk „ Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika?“ überhaupt nicht auf diese Unterlagen und verneint im übrigen das Vorliegen detaillierter Beschreibungen des Kriegsgefangenenlagers Haifischinsel. Siehe S. 136 dort.
7 MA, N559/v. 3: NL Deimling, S. 18f
8 BAB, RKA Nr. 2140, Bl. 157 – 160: „Aufzeichnung für den Reichstag über die kriegsgefangenen Eingeborenen auf den Haifischinseln“, zitiert von Blatt 157
9 Ebenda, B1. 18: Missionar Laaf an Rheinischen Mission, 5.10.1906
10 Im Zusammenhang mit dem unter den Kriegsgefangenen grassierenden Krankheitsbild Skorbut gibt Nordbruch zu bedenken, dass damals auch in der Schutztruppe Skorbut aufgetreten war. Hier Parallelen aufzuzeigen dürfte meines Erachtens jedoch wohl überzogen sein, denn sicherlich litten die Truppenangehörigen nicht derart an Auszehrung wie die kriegsgefangenen Nama, die massenweise durch Skorbut dahingerafft wurden. Siehe Nordbruch, S. 137f.
11 BAB, RKA Nr. 2140, B1. 18: Laaf an Rheinische Missionsgesellschaft, 20.12.1906.
12 Ebenda: Fenchel an Rheinische Missionsgesellschaft, 26.12.1906
13 Während des Namaaufstands nahe Lüderitzbucht eingerichtetes riesiges Lager mit Kamps zur Unterbringung der für den Nachschub der kämpfenden Truppen benötigten Tausenden von Zug- und Reittieren.
14 BAB, RKA Nr. 2140, B1. 157 – 160: „Aufzeichnung für den Reichstag über die kriegsgefangenen Eingeborenen auf den Haifischinseln“
15 Ebenda
16 Ebenda, B1. 94: Estorff an KA, 14.4.1907
17 Ebenda, B1. 88: Estorff an Schutztruppe, Berlin, 10.4.1907. Dieses Telegramm wurde vom Adressaten sogleich mit dem handschriftlichen Vermerk“ Zu sekretisieren“ versehen!
18 Ebenda, B1. 87: Hintrager an AA, 10.4.1907
19 Ebenda, B1. 89: Zwei Telegramme, beide Datum 11.4.1907: KA an Gouvernement, Windhuk , und KA an Truppenkommando, Windhuk
20 Ebenda; B1. 94: Estorff an KA, 14.4.1907
21 Ebenda
22 Ebenda, B1. 89: KA an Truppenkommando, Windhuk, 11.4.1907
23 Ebenda, B1. 111: Bericht des Distriktamtes Lüderitzbucht an Gouvernement, Windhuk, 26.4.1907
24 „Deutsche Kolonialzeitung“, Jg. 1906, S. 361
25 Siehe NAN, ZBU-Akte 456, D IV 1.3: Feldzug gegen die Hereros, 1905 – 1906: Kriegsgefangene, 1904 – 1913, Bd. 5; entnommen aus: Zimmerer/Zeller, S. 83
26 Ebenda, Bd. 5, B1. 54
27 Ebenda, Bd. &, B1. 108
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