Militärhistorisches und Ausrüstung

Das Gedenkblatt für Gefallene der Schutztruppe

Sonstiges

Arne Schöfert

Im 20.Jahrhundert starben knapp 7,8 Millionen deutsche Soldaten in Ausübung des Dienstes für ihr Land. Vom Krieg in China 1901 bis zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan. Den meisten wurde von der jeweiligen Regierung versprochen, daß der Einsatz ihres Lebens für das Vaterland gedankt und man sich ihrer ehrend erinnern würde. Die Versprechungen hielten meist nicht einmal eine Generation. Die, deren Denkmäler gestürzt, Gräber verfallen oder Namen vergessen wurden, kamen noch gut weg. Andere werden für Ihre Pflichterfüllung von nachfolgenden Generationen verurteilt. Dies ist eine der vielen Lehren, die wir aus den Kriegen lernen sollten.

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Als Anerkennung und Erinnerung an gefallene Soldaten waren Gedenkblätter für die Hinterbliebenen zum Trost und Dank für deren Verlust seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert verbreitet. In Preußen war der Evangelische Trostbund hierbei federführend, dessen Gedenkblätter staatlicherseits vergeben wurden. Die dazu 2020 erschienene Studie von Hartmut Gräber „Die staatlichen Gedenkblätter für die Hinterbliebenen des Ersten Weltkrieges und die von Kaiser Wilhelm II. entworfenen Vorläufer des Evangelischen Trostbundes“ (BoD Norderstedt) war Anlass zu diesem kurzen Artikel.

Die kaiserliche Schutztruppe war als Reichstruppe bei Ihrer Aufstellung zunächst der Marine unterstellt. Die Angehörigen von Gefallenen bekamen daher auch das Gedenkblatt, das Kaiser Wilhelm II. 1896 für die Marine entworfen hatte. Die künstlerische Umsetzung erfolgte vom bekannten Marinemaler Hans Bohrdt.

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Anlässlich des Herero-Krieges meldeten mehrere Zeitungen1, daß für die Gefallenen oder an einer Krankheit Verstorbenen der Schutztruppe ein neues Gedenkblatt Verwendung finden sollte, das ebenfalls vom Kaiser höchstpersönlich entworfen worden war. Genauso falsch wie die Ankündigung eines neuen Gedenkblattes war auch die Beschreibung. Die Zeitungen schrieben vom geflügelten Reiter St. Georg, der einen Lorbeerkranz auf Fahnen, Pauken, Trommeln, einen Kürassierharnisch und Helm niederhält. Tatsächlich ist St. Michael abgebildet – nicht beritten. Es gab auch keinen Platz für ein Foto des Verstorbenen.

Interessanterweise sind diese falschen Meldungen Grundlage des verbreiteten Irrtums, daß da 1904 ein neues Gedenkblatt für die Schutztruppe eingeführt wurde. Das Gedenkblatt mit dem Heiligen Michael für Offiziere und Mannschaften der Armee war jedoch nicht neu, sondern wurde bereits 1901 aus Anlass des Boxeraufstandes von Wilhelm II. entworfen, damit die Angehörigen der Gefallenen, die nicht der Marine, sondern dem rund 19.000 Mann umfassenden deutschen Expeditionskorps angehört hatten, ebenfalls ein vom Kaiser entworfenes Gedenkblatt bekämen.2 Umgesetzt hatte den Entwurf der damals bekannten Maler Emil Doepler. 3 Da das Expeditionskorps erst nach dem Höhepunkt der Kämpfe in China eintraf, waren die meisten der deutschen Verluste bei der Marine zu verzeichnen. Das Militär-Wochenblatt verzeichnet auf den Verlustlisten insgesamt 159 Tote des Expeditionskorps – inkl. Krankheiten und Unfälle bereits beim Verschiffen!4 Gedenkurkunden für Gefallene des Expeditionskorps kennen selbst Spezialsammler und Museen heute nur vom „Hören-Sagen“ und sind praktisch nicht zu finden.

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Die Abbildung aus den Nachrichten des evangelischen Trostbundes vom 1.März 1901.

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Zusammenfassend ist also festzustellen, daß besagtes Gedenkblatt zum Boxeraufstand 1901 eingeführt, aber im Expeditionskorps nur in sehr geringer Stückzahl vergeben wurde. Danach ergab sich erst 1904 wieder „Gelegenheit“ zur Verwendung des Gedenkblattes für Truppen des Reichsheeres im Herero-Krieg in Deutschsüdwestafrika.

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Gefreiter Richard Schröter. Am 25.März 1905 an Typhus im Lazarett Kalkfontein(Nord) verstorben.

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Reiter Robert Schiller. Gefallen im Gefecht bei Narus am 17.6.1905

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Unterschrieben von Oberst Ohnesorg mit dem blauen Dienststempels der Oberkommandos der Schutztruppen.

Das Gedenkblatt wurde nicht nur während kriegerischer Konflikte, sondern auch für Todesfälle im normalen Dienst verwendet. Gräber erwähnt als Beispiel den 1912 in Deutsch-Ostafrika an Malaria verstorbenen Sergeanten August Könnecke, dessen Angehörige ein Gedenkblatt erhielten.5 Gedenkblätter für gefallene Schutztruppler während des Maji-Maji-Aufstandes in DOA sind übrigens auch extrem selten, was sich einfach mit der geringen Zahl der verstorbenen Deutschen erklärt.

Das Gedenkblatt wurde zu Beginn des Weltkrieges für Reichs- und preußische Truppen weiter genutzt6. Erst 1915 wurde für die preußischen Gefallenen des Heeres ein neues Gedenkblatt mit einem Engel eingeführt, welches auch von Emil Doepler stammte. Andere Teilstaaten des Kaiserreiches, wie z.B. Bayern, Württemberg oder Sachsen nutzten eigene Gedenkblätter im Weltkrieg.

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Die bisherigen Gedenkblätter wurden bei der Schutztruppe aber weiter genutzt, ohne Verweis auf den Kaiser bis in die Weimarer Republik hinein. Das heißt, ab 1915 waren die Gedenkblätter mit St. Michael praktisch exklusiv für die Schutztruppe.7

Wenn man die Zahlen der Gefallenen und in Ausübung des Dienstes Verstorbener addiert – von den Teilnehmer des Expeditionskorps, über alle im Dienst verstorbenen Schutztruppler bis zu den preußischen Soldaten, die Anfang des Ersten Weltkriegs bis 1915 im Gefecht starben – kommt man auf eine geschätzte Anzahl von ca. 6000 Gedenkblätter mit dem St. Michael.8

Zum Abschluss noch ein besonderes Exemplar eines Offiziers aus Deutsch-Ostafrika: Hauptmann Karl Schimmer, dessen Grab sich noch heute auf dem Soldatenfriedhof von Nyakagunda/Distrikt Rugumbo in Burundi befindet. Die Informationslage bei Offizieren ist meist deutlich besser, so daß man sich ein besseres Bild der Person machen kann, um die es hier eigentlich geht, bzw. ging.

Den bayerischen Offizier trieb es dreimal in die Kolonien. Im Juni 1904 ging er als Leutnant nach Deutsch-Südwestafrika, wurde am 18.5.07 Oberleutnant und wechselte im September 1907 zur Schutztruppe Deutsch-Ostafrika, wo er Polizei-Inspekteur in Daressalam wurde. Nach einer kurzen Episode 1913 in bay. Militärdiensten, Rückkehr nach DOA in der Position eines Vertreters des Residenten von Urundi in Gitea. Nach Ausbruch des Weltkrieges Militärbefehlshaber der Abteilung Urundi.

Gefallen im Kampf gegen die Belgier am 12.1.1915 bei Luvungi (heute Karenzu, Dem. Republik Kongo).9 Die Schutztruppe hatte erfolglos versucht den Grenzort in Belgisch Kongo zu nehmen, um den Aufmarsch der belgischen Truppen zu stören.10

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Sein Gedenkblatt wurde vom Major Lempp unterschrieben, der zu dieser Zeit mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt war. Gestempelt, wie seit Einrichtung des Reichskolonialamtes 1907 üblich, mit „Reichskolonialamt – Kommando der Schutztruppen“.

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Vielen Dank für die Unterstützung an Hartmut Gräber und Harald Koch.

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Bildquellen:

1 – Gedenkblatt für Kapitänleutnant Hanne vom Luftschiff LZ14; Wikipedia

2 - Nachrichtenblatt des Evangelischen Trostbundes vom 1.3.1901

3 – Gedenkblatt Gefreiter Schröter; Kriegsgräberfürsorge Namibia

4 – Gedenkblatt Reiter Schiller; Berliner Auktionshaus, 86. Auktion

5 – Preußisches Gedenkblatt; Wikipedia

6 – Foto Hauptmann Schimmer; Privatsammlung Jürgen Schröder, Ensdorf/Saar

7 – Gedenkblatt Hauptmann Schimmer; Sammlung Schöfert

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1 Zum Beispiel Namslauer Stadtblatt und Deutsche Kolonialzeitung 1.9.1904. Die Richtigstellung am 8.9 wurde kaum zur Kenntnis genommen.

2 Hartmut Gräber „Die staatlichen Gedenkblätter…“ nach Nachrichten vom Evangelischen Trostbund Nr.13, 1901, Seite 102

3 Ebenso falsch sind Stimmen, die von einem speziellen, staatlichen Gedenkblatt für die Schutztruppe mit einem Schutztruppenhut auf einem Podest sprechen.

4 Digitalisiert auf http://www.denkmalprojekt.org/covers_vl/vl_boxer_index.htm

5 Sein Grab befindet sich noch heute auf dem deutschen Friedhof in Dar-es-Salaam.

6 Siehe zum Beispiel die Abbildung bei Gräber vom Gedenkblatt eines im Oktober 1914 gefallenen Landsturmmannes.

7 Die Eingeborenentruppen (Askaris in DOA etc.) dürften aufgrund der fehlenden deutschen Staatsangehörigkeit und offensichtlichen Schwierigkeiten der Zustellung an Hinterbliebene übrigens keine Gedenkblätter bekommen haben. (Gräber, Seite 133).

8 Die Angehörigen konnten beim Evang.Trostbund Blätter nachbestellen. Diese waren aber natürlich ohne Stempel und Unterschriften, also ohne offiziellen Status.

9 Biografische Angaben aus Maillard/Schröder „Das Offizierkorps der Schutztruppe DeutschOstafrika im Weltkrieg 1914-1918“ Beiträge zur Kolonialgeschichte Band 10, Walsrode 2003

10 Ludwig Boell „Die Operationen in Ostafrika“, 1951. Seite 100.

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