Militärhistorisches und Ausrüstung

Anmerkungen zu "KONZENTRATIONSLAGERN" als Maßnahme kolonialer Kriegsführung

Begriffe

H. R. Schneider-Waterberg

- Zum Bedeutungswandel eines Begriffs -

H.R. Schneider-Waterberg, Otjiwarongo, 2002

“Konzentrationslager” werden seit einem Jahrhundert mit der Kolonialgeschichte Südafrikas in Zusammenhang gebracht. Hermann Göring bereits las aus “Der Deutschen Enzyklopädie” dem englischen Botschafter Henderson, als dieser gegen Maβnahmen in deutschen Konzentrationslagern protestierte, vor: “Konzentra-tionslager; zuerst von Engländern im Burenkrieg verwendet.” Die Familie Göring hatte frühe Be-ziehungen zum südlichen Afrika, da Dr. Heinrich Göring, Hermann Görings Vater, von 1885 bis 1890 als Reichskommissar in Deutsch-Südwestafrika gedient hatte. Der Vater war Hermanns Ansicht nach zu anglophil, wogegen er, wie er Henderson erzählte, glühend die Buren unterstützt und mit seinem Taschengeld zu Sammlungen für die Buren beigetragen habe. Dies habe er später sehr bedauert, da Südafrika dann 1914 gegen Deutschland in den Krieg ging.1

Auch auf andere Weise wurde die Erinnerung an südafrikanische „Konzentrationslager“ wach gehalten: Durch ein Weißbuch der britischen Regierung zum Beispiel, das bereits 1940 mit dem Titel “Die Wahrheit über die deutschen Konzentrationslager in amtlichen Dokumenten” erschien. Diese reagierte darin auf eine Pressemeldung aus Durban kurz nach Kriegsausbruch. Darin heiβt es, daβ “deutsche Lügenpropaganda die Afrikaner auffordere, gegen England zu revoltieren”, das “während des Burenkrieges pulverisiertes Glas unter die Nahrung unschuldiger Kinder in Konzentrationslagern gemischt habe”.2

In Namibia sind „Konzentrations“- oder Internierungslager in lebhafter Erinnerung, da die deutsche Schutztruppe während des 1. Weltkrieges und deutsche Zivilisten in beiden Weltkriegen in solchen Lagern jahrelang gefangen gehalten wurden. Hereros und Namas wurden während der Kolonialkriege 1904/5 in Sammellagern festgehalten, für die erstmalig von Berlin aus die Bezeichnung “Konzentrationslager” gebraucht wurde.

Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs “Konzentrationslager” im Sinne von „Sammellager“ ist wertneutral und hat erst aufgrund der Geschehnisse während des 2. Weltkrieges einen Bedeutungswandel erfahren. Die Gleichsetzung mit den Vernichtungslagern Hitlers und Stalins öffnet Zweck– oder gar Sensationshistorismus Tür und Tor, ist zwar beliebt, aber verbietet sich. Der Begriff „Konzentrationslager“ als Bezeichnung für Sammellager in Historiographie und im Geschichts- und Zeitgeistverständnis für die Zeit vor den Weltkriegen zu verwenden, entstellt, erschwert und macht suspekt. 3

Was also bezeichnete man vor 100 Jahren als "Konzentrationslager"?

Ein Lager war damals wie heute, und so will es auch das Lexikon, ein Gelände, meist mit Wohn- und sanitären Anlagen sowie Küche und Verwaltungsräumen, zur vorübergehenden Unterbringung von Personen. Man unterschied zwischen Ferien-, Flüchtlings-, Gefangenen-, und Internierungslagern.

Sammellager, in die man Versprengte „zusammenholte“, also - mit einem neuen Begriff – “konzentrierte”, tauchen um die Wende des 19./20. Jahrhundert zum ersten Mal in der Geschichte auf.4 Die Vorläufer dieser dann später "Konzentrationslager" genannten Sammellager waren die Kriegs-gefangenen- und Vertriebenenlager, die während des amerikanischen Sezessionskriegs (1861–1865) infolge von General Shermans Verwüstung Georgias bei seinem “Marsch ans Meer” nach Savannah im Winter 1864/65 eingerichtet werden muβten. Die Bezeichnung „Konzentrationslager“ entstand jedoch erst später in Zusammenhang mit den Lagern für die sogenannten „reconcentrados“, den Kubanern, die von den Spaniern unter General Valeriano Weyler im kubanischen Unabhängigkeitskrieg (1895–1902) zurückgehalten wurden.

Weyler war während des Sezessionskrieges in Washington spanischer Militärattaché und ein Bewunderer der rücksichtslosen amerikanischen Kriegsführung unter General Sherman geworden. Ein anderer amerikanischer General aus dieser Schule, Sheridan, hatte als militärischer Beobachter danach im preußisch-französischen Krieg 1870/71 der preußischen Heeresleitung zu ebensolchen Repressalien gegen die französische Zivilbevölkerung geraten, um militärische Ziele schneller zu erreichen. Wie sein Vorbild Sherman hatte Weyler, der inzwischen Befehlshaber der spanischen Truppe in Kuba geworden war, das Land verwüstet und Zivilisten in Lagern als sogenannte "reconcentrados" zwangsuntergebracht.

Die Sterblichkeit in diesen Lagern war zunächst hoch. Zeitgenössische, meist parteiische, spanienfeindliche Schätzungen beliefen sich auf bis zu 500 000 Tote. Heute schlieβt man auf ein Viertel dieser Zahl. Die öffentliche Meinung geiβelte Weyler als Schlächter und Menschenausrotter. In Südafrika nannte der “Cape Argus” 1897 Spanien eine Schande für die Zivilisation.5

Fast zeitgleich mit dem kubanischen Freiheitskrieg wütete in Südafrika ein blutiger Kolonialkrieg. Es war der “Burenkrieg” (1899–1902), in dem auch die Engländer nach anfänglich schwersten Verlusten eine Strategie der “verbrannten Erde” einführten, mit der sie die zähen Burenpartisanen zur Űbergabe zu zwingen hofften. Unter General Roberts und danach General Kitchener zündeten die Engländer im Transvaal und Oranje-Freistaat Farmgehöfte an, lieβen das Vieh abtreiben, vernichteten Ernten und überlieβen die Burenfamilien - meist Alte, Frauen und Kinder sowie die schwarzen Farmarbeiter - ihrem Schicksal. Aus politischen, humanitären und taktischen Gründen beschlossen Roberts und sein Nachfolger Kitchener jedoch wenig später, diese Vertriebenen in Lagern zu sammeln.6 Kitchener hatte schon einmal 1898 nach der Einnahme von Omdurman in Ägypten mit 11 000 toten und 16 000 verwundeten Mahdisten ein Lager für deren 2 000 sudanesische Frauen einrichten müssen.7 Das Lager hatte er als sehr “störend” empfunden, und bei einem Empfang der Königin Victoria soll er auf eine Frage nach der Art dieser Frauen erstaunt geantwortet haben: “Sie reden sehr viel”, und nach einer Pause, “wie alle ihr Frauen.”8

In Südafrika fanden sich unfreiwillig, aber auch freiwillig bereits Anfang 1901 zehntausende Burenfrauen und Kinder, sowie “eingeborene” (native) Farmarbeiter in Lagern wieder. Ihre Zahl wuchs schnell auf weit über 200 000. Fast noch schneller stieg jedoch in den Lagern die Zahl der Sterbefälle. Krankheiten wüteten: Typhus, Dysenterie, Masern, Lungenentzündung – wahrscheinlich auch Cholera – und andere “mörderische Krankheiten, die im südlichen Afrika endemisch sind, wo immer man Menschen konzentriert”.9

Ganz abgesehen davon, daß es damals moderne Medikamente noch nicht gab, ist es fraglich, ob die heute selbstverständlichen Maβnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von Seuchen bei dem Mangel an Ärzten und Wohnraum möglich oder überhaupt genügend bekannt waren. Die Isolierung Kranker und Krankheitsverdächtiger, Desinfektion, die Überwachung von Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Personal waren in den Lagern kaum oder garnicht möglich. Schutzimpfungen waren gröβtenteils, Antibiotika völlig unbekannt - ein heute kaum vorstellbarer Zustand. Im Oktober 1901 lag die Sterblichkeit in den Burenlagern bei 34%.10 Zur Untersuchung dieser Mißstände wurde auf politischen Druck hin in England die “Fawcett Commission”, so genannt nach ihrer Vorsitzenden, ins Leben gerufen. Diese Kommission, der auch zwei, der in jener Zeit sehr seltenen Ärztinnen angehörten, hatte keine Zweifel daran, daβ die meisten Todesfälle vermeidbar gewesen wären. Ebenso klar war man sich in der Kommission aber auch darüber, daβ man nicht zehntausende Menschen aus den Lagern wieder in den Busch und damit in den sicheren Hungertod schicken konnte. Das Land war verwüstet. Da die Lager wegen der Kritik nicht nur aus England, sondern aus ganz Europa nach Ende 1901 keine Weiβen mehr aufnahmen, lebten noch viele Frauen und Kinder unter den gröβten Entbehrungen und Gefahren frei im Busch. Man sah in London ein, daß es ein katastrophaler Fehler gewesen war, Militärs wie Kitchener mit solchen Maβnahmen betraut zu haben, und übergab den Zivilbehörden unter Gouverneur Lord Milner die Verwaltung der Lager. Die Todesfälle nahmen ab. Bei Kriegsende 1902 waren jedoch von über 110 000 Lagerinsassen in den Burenlagern etwa 28 000 gestorben.11 Aber auch im englischen Heer grassierten Seuchen. Über 16 000 von insgesamt 22 000 Todesfällen sind auf Krankheiten und Verwundungen zurückzuführen12, ebenso wie weitere mindestens 60 000 Verluste.

Eine besondere Facette der feinen englischen Art der Kriegsführung im Burenkrieg waren die Lager, in denen die entwurzelten schwarzen Opfer der englischen Strategie der verbrannten Erde und Farmverwüstungen, nämlich die “eingeborenen” Farmarbeiter mit ihren Familien, “konzentriert” wurden. Sie waren unverschuldet in diesen Krieg einbezogen worden und hatten - bis auf Ausnahmen auf englischer (!) Seite - nicht an ihm teilgenommen. Sie waren ihrer Existenzgrundlage auf den Farmen beraubt und wurden nun in Sammellagern untergebracht. Die englische Militärregierung unterstellte diese Lager nicht den Zivilbehörden. Sie plazierte sie entlang der Eisenbahn und zog die Männer zur Arbeit heran – für einen Schilling am Tag plus Verpflegung. Man "sammelte" diese “Eingeborenen” bis 1902 ein, und Ende 1902 befanden sich über 100 00013 in Konzentrationslagern. Es starben in dieser Zeit weit mehr als die amtlich aufgezeichneten 13 00014. Der zuständige Lagerkommandant Major G. de Lotbinière, ein Kanadier, sagte nach dem Krieg zu diesen Todesfällen: “Eingeborene (natives) gedeihen nicht unter abnormalen Bedingungen und plötzlichen Veränderungen; wenn sie in neue Bedingungen, Wasser, Boden, Nahrung usw. verpflanzt werden, brauchen sie augenscheinlich Zeit, um sich zu akklimatisieren. Zusätzlich waren durch die Enge der Areale unter militärischem Schutz die Hütten leider viel näher aneinander als unter normalen Bedingungen, und die Eingeborenen litten folglich. Epidemien wie Windpocken, Masern, Dysenterie etc. befielen die Lager, und die Todesfälle stiegen rapide”.15 Im Vergleich zu der Sterblichkeit der Zivilbevölkerung auβerhalb der Lager ergaben Untersuchungen über die Zustände in der Kapkolonie zwischen 1896 und 1900 in 32 Ortschaften eine sogenannte “normale” durchschnittliche Kindersterblichkeit16 von etwa 18%, wobei in einzelnen Gebieten Höchstwerte von bis zu 31% für Weiβe und 70% für Nichtweiße vorkamen.17

Zeitgenössische Berichte und Meinungen sind eben nach damaligen Verhältnissen zu beurteilen und nicht nach heutigen Ansichten - ob sie nun “politisch korrekt” sind oder nicht. Geschichte verliert ihren Reiz und ihre inneren Zusammenhänge, wenn man nicht schreibt, “wie es wirklich gewesen ist” (Ranke), sondern ihr ein modernes Lehrstück überstülpt.

Die Konzentrationslagerproblematik in Südafrika wurde dennoch von der Weltöffentlichkeit - wenn auch in Ermangelung des Fernsehens und Radios nur von relativ elitären Zeitungsleserkreisen - gerade in Deutschland und Frankreich mit Empörung zur Kenntnis genommen und besonders in der englischen Öffentlichkeit mit Vehemenz diskutiert. England führte in diesem Falle einen unerwartet äuβerst verlustreichen, teuren und blamablen Kolonialkrieg in Südafrika, der mit drastischen Mitteln dringend beendet und gewonnen (!) werden muβte. Königin Viktoria sagte zu den schweren Verlusten im Burenkrieg: “Wir sind nicht an Möglichkeiten einer Niederlage interessiert; sie existieren nicht!”18 Andererseits hatte sich aber auch die Kritik an der Kriegsführung der Parteipolitik in England bemächtigt. Der Führer der Liberalen in der Opposition, Campbell Bannerman, prägte für seine aufsehenerregende Antikriegskampagne den Namen “Methods of Barbarism”. Im Juni 1901, etwa ein Jahr vor Kriegsende, sagte er in einer Rede: “Man sagt oft, ‘Krieg ist Krieg’; aber wenn man nachfragt, dann heiβt es, es gäbe keinen Krieg – dies sei kein Krieg. Wann ist denn ein Krieg kein Krieg? – Wenn er mit barbarischen Mitteln (Methods of Barbarism) in Südafrika geführt wird.”

Interessant ist dabei das Problem, das die Liberalen mit der Gewalt und dem Imperialismus haben. Man könnte folgern, daβ ausgerechnet für sie ein “echter” Kolonialkrieg keine Barbarei sei. In der Beurteilung der Einrichtung von Konzentrationslagern als Maβnahme, die zur Beendigung des blutigen und zerstörerischen Kolonialkrieges in Südafrika führen sollte – und führte! – wird man infolgedessen mit den unterschiedlichsten Meinungen konfrontiert. Damals wie heute noch reichen sie von jingoistischem Imperialismus bis zum antikolonialen, humanitären Pazifismus; aber eine erfolgversprechende Alternative zu dieser kriegsbedingten Maβnahme gibt es wohl kaum. Jedenfalls fiel sie damals wie heute, wo Millionen von Menschen in Lagern leben, niemandem ein.

Der Einsatz der Engländerin Emily Hobhouse und ihres groβen Freundeskreises für die Burenfamilien in den Lagern ist legendär geworden. Übersehen wird dabei oft, daβ aus Sicht des Militärs Miss Hobhouse gegen das Kriegsrecht verstieβ und aus Südafrika zwangsrepatriiert werden muβte, weil sie Englands Kriegsanstrengungen störte und untergrub. Man warf ihr in England unpatriotisches Auftreten vor. Immer wieder wird man mit der Frage konfrontiert, ob es richtiger sei, dem Grauen des Krieges, den Sorgen der eigenen Soldatenmütter und Ehefrauen mit drastischen militärischen Mitteln ein schnelles Ende zu bereiten, oder den Krieg durch humanitäre Rücksichten auf sogenannte feindliche “Nonkombatanten”, also Zivilisten, in die Länge zu ziehen. Kriegskunst und humanitäre Ideale sind schwer vereinbar.

Mit dem Ende der eher begrenzten Kabinettskriege und dem Aufkommen der umfassenderen Volkskriege im 19. Jahrhundert, wie z.B. den letzten napoleonischen Kriegen, dem amerikanischen Sezessionskrieg und selbst dem preußisch-französischen Krieg von 1870/71, entstanden daher international Fragen über die Art und Weise der Kriegsführung auch im Hinblick auf die Zivilbevölkerung. 26 Länder nahmen infolgedessen, auf Initiative des Zaren Nikolaus II, 1899 an der ersten “Haager Friedenskonferenz” teil und ratifizierten bis 1901 deren Beschlüsse. Zu diesen Ländern gehörten auch England und Deutschland.

Man formulierte in dieser ersten Haager Friedenskonferenz, der dann andere Konferenzen folgen sollten, zunächst unter anderen Protokollen die sogenannte Landkriegsordnung. Diese regelte u.a. die Art der Kampfmittel und Feindseligkeiten und die gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten zulässige Gewaltanwendung, war jedoch nur für die Unterzeichner des Abkommens verbindlich. Die Burenrepubliken gehörten nicht dazu, ebensowenig wie die Kolonialvölker, die keine Staaten bildeten, wie z.B. das Volk der Herero.

Wann also war ein Krieg ein Krieg, wann galten die neuen Bestimmungen der Haager Konvention?

Während der Kolonialkriege in Südafrika und kurz danach in Deutsch-Südwestafrika stellte sich die Frage in Hinblick auf die Verwüstung des Landes, die Repressalien gegen die Zivilbevölkerung und die „Konzentrationslager“. Obwohl in Bezug darauf erhebliche Kontroversen hervorgerufen wurden, ist es erstaunlich, daβ es nur wenige detaillierte und belegte Studien dazu gibt. Im Falle Deutsch-Südwestafrikas ist die Frage wahrscheinlich sogar erst nach dem zweiten Weltkrieg akut geworden19, als man feststellte, daβ der deutsche Generalstab in einem Schreiben von Schlieffens20 vom 23. November 1904 zusätzlich zu den bestehenden Gefangenenlagern Sammellager für Hereros empfahl. Diese wurden in einer Anweisung des Reichskanzlers an von Trotha vom 11. Dezember 1904 mit dem damals neuen Modewort “Konzentrationslager” bezeichnet, wahrscheinlich nach den unter ähnlichen Bedingungen kurz zuvor eingerichteten und sich 1904 in Auflösung befindenden Lagern in Südafrika.21

Bereits 1904 gab es Gefangenenlager in Windhoek, Okahandja und Swakopmund, von 1905 bis 1907 sogenannte "Lager" in fast allen Ortschaften des Landes. Dabei muß festgehalten werden, daß die mit den Landesverhältnissen oft nicht sehr gut vertrauten Historiker22 nur schwer "Lager" von "Werften", "Krälen" und "Kamps" zu unterscheiden wußten, in denen nicht nur Gefangene, sondern meist freie Leute "konzentriert" wurden.

Wenig wurde über die Gefangenenlager geschrieben. Lediglich Missionar Vedder berichtete Anfang 1905 sehr kritisch über das Swakopmunder Lager, viele Jahre später folgte ein grollender Kommentar von Estorffs darüber.

Swakopmund und besonders die Lüderitzbuchter Haifischinsel boten sich wegen der geringen Fluchtmöglichkeiten für Gefangenenlager besonders an, wurden aber dann berüchtigt, da sich herausstellte, daβ der südliche Winter mit seinem naβkalten Seeklima23 von den Gefangenen nicht vertragen wurde und besonders im Falle der Haifischinsel zu sehr vielen Todesfällen führte.24 Trotz der kritischen Anteilnahme der Őffentlichkeit am Hererokrieg hatte man sich im Wesentlichen mit der Einrichtung von Lagern als kriegsnotwendigen Maβnahme abgefunden.

Über die Lager in Südafrika ist jedoch um so mehr bekannt, und es drängt sich ein Vergleich geradezu auf. Die Übereinstimmung in der Natur der Länder, der Kriegsmittel und des Zeitgeistes erhellen somit auch die Lage in Deutsch-Südwestafrika und machen vieles verständlich:

- Wie in Südafrika so galt es auch in Deutsch-Südwestafrika bereits ab Ende 1904 bis Ende 1905, herumstreifende, raubende und hungernde Hereros zu “konzentrieren”.25 Zeitungs- und anderen Berichten zufolge waren “Hererobanden” immer wieder in der ganzen, über hunderte von Kilometern von Truppen entblöβten nördlichen Landesmitte unterwegs, und es wurden immer wieder “Hererowerften ausgehoben". Von Trotha führte dies auf die Aufhebung seiner Proklamation zurück, die die Hereros des Landes hatte verweisen wollen. Die Truppe war bekanntlich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich im Namaaufstand im Süden engagiert.

- Ebenso wie in Südafrika gelang es den in Deutsch-Südwestafrika überforderten und unterbesetzten Behörden zunächst nicht, die Sterblichkeit in den Lagern in den Griff zu bekommen. Ähnlich wie in Südafrika war die Kindersterblichkeit auch auβerhalb der Lager hoch.26 In Swakopmund bemühten sich die Ärzte mit unzureichenden Mitteln um Kranke. Von Schwester Emmy – der späteren Frau Surén – berichtet Hulda Rautenberg27, daβ sie die Gefangenen (“Eingeborenen”) mit Rohkostbrei gegen Skorbut behandelte. Man fragt sich, wo 1904 (!) die Kartoffeln, Zwiebeln und das Sauerkraut dafür herkamen und zu welchem Preis.

- Ähnlich wie in Südafrika führten Proteste der Zivilbevölkerung – in diesem Fall der Missionare, – dazu, daβ sich die Lage in den Lagern besserte. Wie auch in Südafrika zog man Lagerinsassen zur Arbeit heran und ersetzte in der Verwaltung der Lager die Militärs durch Beamte.

- Wie auch in Südafrika und England wurde die Kriegsführung im deutschen Mutterland ein Thema der Parteipolitik und stark kritisiert. Ähnlich wie Campbell-Bannerman in England drei Jahre früher, sagte der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bebel 1906 im Reichstag über von Trothas kurzlebigen sogenannten Schieβbefehl: “Einen derartigen Krieg wie Herr von Trotha kann jeder Metzgerknecht führen.” 28

- Wie auch in London fühlte man in Berlin die Augen der Weltöffentlichkeit auf sich gerichtet. Der damalige Reichskanzler von Bülow berichtet in seinen Memorien darüber, wie er in einem Gespräch mit Kaiser Wilhelm II diesem die Rücknahme der Trotha’schen Proklamation abtrotzte mit dem Talleyrand’schen Argument, sie sei “schlimmer als ein Verbrechen, sie sei ein Fehler, denn Kriege können nicht rein militärisch geführt werden, die Politik muß mitsprechen.”29

Die Ernennung von Lindequists zum Gouverneur und Nachfolger von Trothas verstärkte den Einfluβ Südafrikas in Deutsch-Südwestafrika. Von Lindequist war erwiesenermaßen ein fähiger Mann, der es 1907 bis zum Staatsekretär im Reichskolonialamt bringen sollte. Er war - nach fünfjährigem Aufenthalt in Deutsch-Südwestafrika als Assessor, Amtmann und Richter in Okahandja und Windhoek - von 1900 bis 1903 Generalkonsul in Kapstadt gewesen. Den Burenkrieg mit der Einrichtung, den Realitäten und schließlich der Auflösung der Konzentrationslager hatte er miterlebt und u.a. bereits im Februar 1904 mit den englischen Behörden Unterhandlungen über bevorstehende Herero-Grenzübertritte mit gestohlenem und Rinderpest verdächtigem Vieh30 nach Britisch-Bechuanaland geführt.31

Er kannte den Hohen Kommissar für Südafrika, Lord Milner, der in Heidelberg aufgewachsen und ein Bewunderer Bismarcks und Friedrichs des Groβen war, gut.32 Als Generalkonsul verhalf von Lindequist Hauptmann von Estorff, der 1901 auf der Rückreise nach Deutsch-Südwestafrika war, zu einem mehrwöchigen Aufenthalt an der Front im Burenkrieg im Stabe Kitcheners. Sie besuchten zusammen “eines der berüchtigtsten Konzentrationslager” für Buren-angehörige. Von Estorff beobachtete die in Folge mangelhafter Unterbringung trotz guter Ernährung auftretenden verheerenden Krankheiten. Er empfand das Lager als “unnütze und scheußliche Grausamkeit”. Zu der englischen Kriegsführung der verbrannten Erde und zu den Konzentrationslagern bemerkte von Estorff aus eigener Anschauung: “Es war eine grausame Kriegsführung, aber sie hat die Bezwingung des Kleinkriegs beschleunigt”.33 Von Estorff ist dieser Haltung auch in den Kriegen in Deutsch-Südwestafrika treu geblieben.

Während seiner Kapstädter Zeit erfuhr von Lindequist hautnah den Einfluβ der Weltöffentlichkeit auf die Entwicklung im südlichen Afrika. Auch die Bemühungen des groβen Freundes – und Anhängerkreises der Emily Hobhouse fallen in diese Zeit. Die Probleme des Lagersystems waren daher von Lindequist und - wie man sah - auch Berlin geläufig. Dennoch überzeugte ihn zugleich mit dem System der Lager der bewährte englische Verwaltungsstil in der Kronkolonie am Kap. Er übernahm daher als Gouverneur von dort eifrig Maßnahmen für Deutsch-Südwestafrika, wobei besonders auch die weitreichenden "Eingeborenenverordnungen" wie die Arbeitsverordnung ("master and servants law") und der Paßzwang hervorzuheben sind.34

Die Problematik des Lagersystems in Deutsch-Südwestafrika wird aber auch charakterisiert durch die gegensätzlichen Auffassungen von Lindequists und des Hauptmanns, späteren zeitweisen Kommandeurs der Schutztruppe und Generals von Estorff. Letzterer war ein frommer, lauterer Ehren- und Edelmann in der besten preuβischen Tradition, von Lindequist ein fähiger, tatkräftiger Jurist und Beamter.

Beide hatten langjährige Afrikaerfahrung und waren vom Kolonialgedanken durchdrungen. Der eine patriarchalisch wohlwollend, der andere unbarmherzig, uneinsichtig, paragraphenreiterisch. Von Estorff lehnte das Lagersystem als kolonialpolitisch destruktiv ab und beschwerte sich wiederholt in Berlin über die Zustände in dem Lager auf der Haifischinsel. Dennoch konnte sich die militärische und zivile Verwaltung in Berlin stets mit sicherheitsbedingten Űberlegungen durchsetzen35 – ganz im Sinne von Lindequists – und das Lager erhalten, bis von Estorff es 1907 auflöste. Dieser meldete noch im April 1907 nach Berlin, daß sich der als Gouverneur fungierende Referent im Gouvernement in Windhoek, Hintrager, dieser Räumung mit der Begründung widersetzte habe, daß "England in Südafrika 10 000 Weiber und Kinder in Lagern sterben ließ".36

Es erscheint historiographisch tollkühn, der Einrichtung von Gefangenen- bzw. Sammellagern, also den erstmals "Konzentrationslager" genannten Einrichtungen, eine verbrecherische Planung zu unterstellen.37 Weder für die Lager im Burenkrieg, noch für die im Hererokrieg von 1904/05 ist dies berechtigt.

Nach Artikel II und IV der ersten Haager Konvention von 1899 liegt auch kein wirklicher Verstoβ gegen internationales Recht vor. Waren die drastischen Kriegsmethoden unter den besonderen Bedingungen in Südafrika und Namibia zwar vielleicht von militärischer Notwendigkeit geprägt, waren sie doch gefährlich nah an den unzulässigen Methoden eines totalen Kriegs, deren Unzulässigkeit schon 1899 in den Haag formuliert und 1901 ratifiziert wurden. Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika 1904/5 aber als frühfaschistische38 Vernichtungsmaβnahmen und Teil eines vorsätzlichen Völkermords zu sehen, gehört in den Bereich der “Mystifikation” des Hererokriegs, vor dem Brigitte Lau zurecht gewarnt hat. 39

Kolonialkriege überzogen im “scramble for Africa” 1876 – 1912 den ganzen Kontinent.40 Kein ehemaliges Kolonialland hat nach heutigen Maβstäben “saubere” Hände. Nach damaligen Maβstäben legte man jedoch den Grundstock für 60 Jahre friedliche Entwicklung in Afrika. Im Vergleich zur Kolonialgeschichte der anderen europäischen Länder ist die der Deutschen von 1904 im Rahmen des Zeitgeistes und verdient im Interesse der Zukunft Namibias eine objektivere Beurteilung als bisher.

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1 Henderson, Sir Neville: Failure of a Mission, London 1940, S.29, 80.

2 Henderson, Sir Neville: Die Wahrheit über die deutschen Konzentrationslager in amtlichen Dokumenten, Weiβbuch 1940, London, S. 1.

3 Roberts, Brian: Those Bloody Women, London 1991, S. 255.

4 “Konzentration” war ein Fremdwort aus dem Französischen und bezog sich bis dahin auf die der Chemie und Physik vorbehaltenen Prozesse der Anreicherung.

5 Spies, S. 159.

6 “concentrated in camps of refuge” in: Pakenham, Thomas:

The Scramble for Africa, Johannesburg 1991, S. 577.

7 Roberts, Brian: Those bloody Women, London 1991, S. 157.

8 Roberts, S. 157.

9 Pakenham, S.578.

10 Spies, S. 234, Roberts, S. 252.

11 Spies, S. 292.

12 Pakenham, Thomas: The Boer War, London 1982, S. 572.

13 Spies, S. 288.

14 Spies, S. 292.

15 Spies, S. 293.

16 Auch in manchen Teilen Englands wie auf dem europäischen Festland gehörte eine nach heutigen Ansichten entsetzliche Kindersterblichkeit zum Alltag. In Hamburg z.B. starben noch 1892 etwa 8 000 Menschen innerhalb von sechs Wochen an Cholera, obwohl Robert Koch den Erreger bereits 1883 in Ägypten isolierte hatte.

17 Spies, S. 293.

18 Roberts, S. 1.

19 Auffallend bei Untersuchungen der deutschen Kolonialgeschichts-schreibung ist die deutsche Tendenz zu akribischer Nabelschau. Nur selten zieht die deutsche Kolonialhistoriographie Quellen von jenseits der Grenzen Deutsch-Südwestafrikas zu Rate. Deutsch-Südwestafrika wurde aber z.B. von British-Bechuanaland aus genau beobachtet, und es gibt historisch wertvolle Berichte z.B. im Public Record Office in Kew, London, die kaum bekannt und untersucht wurden.

20 Drechsler, Horst: Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft, Berlin 1961, S. 193f, 197.

21 Wie Bienen vom Honig scheinen deutsche Nachkriegs“historiker” geprägt von ihrer unbewältigten Vergangenheit von diesem Wort angezogen. Weniger scheint es dabei aufgefallen zu sein, daβ ausgerechnet in diesem Schreiben die Aufhebung des Trotha'schen sogenannten “Schieβbefehls” vom Oktober 1904 empfohlen wurde, was dann auch wenige Tage später, am 11. Dezember, von Berlin aus geschah, und damit auch der Legende vom deutschen Genozid an den Herero die Grundlage entzog, weil es nun hieß, daß “Konzentrationslager für die einstweilige Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Hererovolkes einzurichten waren.” (Drechsler, S. 164)

22 Krüger, Gesine: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein, Göttingen 1999, S. 129.

23 Die Rolle des Klimas wird hier wohl überschätzt: Auf der Haifischinsel kam es zu der hohen Sterblichkeit bei den 1 700 im Mai 1906 dort internierten Namas, Bethaniern und Witboois (Krüger, S. 139; von Weber, S. 164) nicht im “naβkalten Winter”, sondern erst im Sommer 1906/07 - in den warmen Monaten Dezember und Januar (Drechsler, S. 249). Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß Skorbut oder Seuchen wie Ruhr und Typhus zum Tode führten. Die Diagnose und Bekämpfung dieser Krankheiten bereiteten auch der Truppe im Rest des Landes gröβte Schwierigkeiten. Erst 1914, nach wiederholten Typhusausbrüchen in Swakopmund und Walfischbucht, wurde im Swakopmunder Leuchtturm ein Laboratorium eingerichtet, um die Typhusherde zu finden und zu beseitigen (Rautenberg S. 124, 214, 216). Das Swakopmunder Trinkwasser war gefährlich abführend und infektiös, und die berüchtigte “Swakopmundia-Diarhoe” hat noch jahrzehntelang manchen Besucher dem Wassertrinken abschwören lassen. Daß die Zahl der Todesfälle in Swakopmund so hoch war, muß auch in Relation zu dem hohen Wechsel innerhalb der Einwohnerschaft gesehen werden. Insgesamt 12 000 “Kruneger” und tausende Bahn- und Hafenarbeiter hielten sich von 1904 bis 1907 meist kurzfristig und im schnellen Austausch in den sogenannten “Lagern” und “Werften” der Stadt auf. (Rautenberg S. 165)

24 I. Goldblatt: History of South West Africa, Cape Town 1971, S. 146.

25 von Estdorff, Ludwig: Wanderungen und Kämpfe in Südwestafrika, Ostafrika und Südafrika 1894-1910, Windhoek, 1968, S. 118.

26 Rautenberg, Hulda: Das alte Swakopmund Swakopmund, Neumünster 1967, S. 215.

27 Rautenberg, S. 215.

28 von Weber, Otto: Geschichte des Schutzgebietes Deutsch-Südwest-Afrika. Windhoek 1998, S. 170 und: Nuhn, Walter: Sturm über Südwest, Koblenz 1989, S. 300.

29 von Bülow, Bernhard: Denkwürdigkeiten, Berlin 1930, S.21.

30 Public Record Office, Kew: Co 417; 391.

31 Spies, S. 304.

32 Pakenham, S. 563.

33 von Estdorff, S. 93f.

34 Goldblatt, S. 150, 154.

35 Hintrager, Oskar: Südwestafrika in der deutschen Zeit, München 1955, S. 96.

36 Drechsler, S. 250.

37 Spies, S. 203 und von Estorff S. 118, 134f.

38 Maßgebend für diese Gedankengänge - und viel und gern zitiert - ist Hannah Arendts Veröffentlichung "Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft". Unberücksichtigt bleibt dabei, daß die Autorin sich in diesem groß angelegten Erklärungsversuch von 1951 (!) selbst relativiert, indem sie schreibt: "Zu erklären ist das totalitäre Phänomen aus seinen Elementen und Ursprüngen so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von großer Tragweite".

39 Lau, Brigitte: Ungewisse Gewiβheiten, Teil 1, S. 7f; Teil 2, S. 17 in: Nachrichten der GfWE 1998.

40 Pakenham, S. XIX.