Militärhistorisches und Ausrüstung

1900 Im Reich der Mitte – Die Erlebnisse eines Seesoldaten

Gebiete

Winfried Törnig

Langer Marsch, Volksrepublik, Kulturrevolution, Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und das heutzutage weltweit verbreitete „Made in China“: Begriffe aus der Geschichte des neuen Chinas, die sicherlich erst voll verständlich werden, wenn man sich die Ereignisse am Ende des chinesischen Kaiserreiches mit vor Augen führt.

Hier stößt man auf die „Ich Ho Ch`uan“ (Fäuste der Gerechtigkeit), auch als Boxer bezeichnet, eine Untergrundbewegung von Tausenden in gelben und roten Tüchern gehüllte und im gemeinsamen Fremdenhass fanatisierte chinesische Geheimbündler, die sich im Besitz übernatürlicher Kräfte glaubten, eröffneten im Sommer 1900 den Kampf gegen eine Überfremdung durch die „Fremden Teufel“. Mit dem heimlichen Zutun der herrschenden Ch`ing-Dynastie richteten sich ihre Aktionen gegen Konzessionen und Gebietsabtretungen an ausländische Mächte.

Unter der Ära der herrschenden Kaiserwitwe Tz`u His zerstörten die Boxer alles Teufelswerk der Fremden; wie Eisenbahnlinien, Telegraphenleitungen und besonders christliche Missionsstationen. Mehrere christliche Missionare und chinesischer Konvertiten wurden ermordet.

‍

Ein Boxer mit seiner primitiven Bewaffnung [1]

‍

Die Flagge der Boxerbewegung [1]

‍

Ja, die Boxer schickten sich an, die Hauptstadt Peking von den Fremden zu säubern. Die Ermordung des Deutschen Gesandten Baron Ketteler war das Signal für eine umfassende Belagerung des Ausländerviertels von Peking.

Unter dem Druck dieser Bedrohung entstand eine einzigartige Waffenbrüderschaft zwischen den Soldaten der damaligen Europäischen Kolonialmächte (Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland und Russland) den USA und Japan, sowie des damaligen Österreich/Ungarn. Die dann in verzweifelten 60 Tage dauernden blutigen Barrikadenkampf das Pekinger Gesandtschaftsviertel verteidigten und im Rahmen eines internationalen Expeditionskorps die Boxer niederkämpften.

Angesichts der Ereignisse im fernen China beteiligte sich auch das Kaiserliche Deutschland militärisch mit einem Expeditionskorps, hier hauptsächlich Marine-Infanterieeinheiten.

1850 war in der preußischen Marine ein Marinekorps geschaffen worden, welches 1854 die Benennung „Seebataillon“ erhielt. Dieses Seebataillon (zusammengefasst als Marineinfanterie bezeichnet) war an Bord eingeschiffte Infanterie und Artillerie. Diese dienten zur schnellen Anlandung von militärischen Kräften an Küsten und Stränden (besonders bei kolonialen Unternehmungen). Die Uniform bestand aus einem dunkelblauen Waffenrock. Der Kragen, die Rockvorderseite und die geschweiften Stoßtaschenleisten waren weiß vorgestoßen. Die weißen Achselklappen trugen gekreuzte Anker mit darüberstehender Kaiserkrone. Als Kopfbedeckung wurde ein Tschako aus Lackleder mit einem Beschlag (Reichsadler auf Anker gelegt) und der oben angebrachten Reichskokarde getragen. In den Tropen wurde im Dienst eine khakifarbene Uniform mit braunem Lederzeug und ein khakifarbener Tropenhelm mit einem gelben Adler über der Stirn vorgeschrieben.

‍

Kaiserlicher Seesoldat 1900 [2]

‍

Als Standorte sind zu nennen: Kiel (1.Seebataillon), Wilhelmshafen (2.Seebataillon), Tsingtau (3.Seebataillon). Nach 1918 wurde in Deutschland keine Marine-Infanterie mehr aufgestellt.

Mit großem Interesse wurden die telegraphischen Zeitungsberichte über die Ereignisse in China von den Menschen im Kaiserreich gelesen und beredet. Die nun erfolgte Mobilmachung der Kaiserlichen Seebataillone wurde am 16.6.1900 von Kaiser Wilhelm II. angeordnet.

Auch wenn die Lage in Ostasien ernst zu sein schien, so wurde doch bei manchem Heißsporn die Abenteuerlust geweckt. Eine ärztliche Untersuchung aller Offiziere und Mannschaften machte einigen Seesoldaten in jedoch punkto Abenteuerlust einen Strich durch die Rechnung, in dem sie als tropenuntauglich zu Hause bleiben mussten.

Bei der 4. Kompanie des II. Seebataillons wartete auch der am 25.3.1879 in Hohenlimburg/ Westfalen geborene Wilhelm Albert Brinker auf seinem Chinaeinsatz.

Sein noch erhaltener Militärpass verzeichnet den weiteren Dienstweg.

‍

Der noch vorhandene Militärpass von Albert Brinker [3]

‍

Herr Brinker war lange Jahre mein Nachbar und lieferte mir den nun folgenden Bericht:

Nach dem das II. Seebataillon mit Khakirock, Korkhelm, Strohhut, Gerätschaften und Waffen versehen worden war, ging es in Wilhelmshafen am 2.7. an Bord des Lloyddampfers „Frankfurt“. Zuvor hielt der Deutsche Kaiser vor den angetretenen Soldaten seine berühmte „Hunnenrede“, in der er betonte, daß in China kein Pardon zu geben sei.

‍

Kleiderempfang beim II. Seebataillon [4]

‍

‍

Das Dampfschiff „Frankfurt“ des Norddeutschen Lloyd[4]

‍

‍

Ein bewegender Augenblick für den Seesoldaten Brinker: der Deutsche Kaiser nimmt die Parade des II. Seebatallions ab [4]

‍

‍

Die ersten Tage an Bord gestalteten sich sehr unruhig, denn die Wenigsten der Soldaten waren zur damaligen Zeit schon einmal zur See gefahren und so wurde mancher seekrank.

‍

Die Reiseroute von Deutschland nach China [3]

‍

Der Dienst an Bord bestand hauptsächlich im Gewehrexerzieren, Freiübungen aller Art, Signalisieren mit Winkerflaggen, Laufspielen, Unterricht in der Geographie der durchfahrenden Strecke und über die in Betracht kommenden Einsatzgebiete.

Der Unterricht über den Gebrauch und die Verwendung des neuen Mausergewehres M 98 rückte besonders in den Vordergrund, denn die Handhabung des neuen Gewehrs war bei den Mannschaften noch nicht bekannt.

‍

Mausergewehr M 98 [5]

‍

Am 14.7. erreicht die „Frankfurt“ Port Said am Suezkanal, hier werden Kohlen, Proviant und Post von „Daheim“ übernommen. Briefliche Mitteilungen „von Unterwegs“ über die Fahrt sind bereits in der Heimat angelangt und berichten von der guten Stimmung die bei den Offizieren und Mannschaften herrschten. Sicher trug auch die gute Verpflegung ihren Teil dazu bei.

Mochte man nun das ruhige Wasser des Suezkanals durchquert, oder auch auf der weiteren Fahrt durch den Indischen Ozean zwischen Aden und Colombo stürmisches Wetter vorherrschen, die Stimmung blieb gut. Denn selbst ein gemütliches Ausspannen bei oftmals 32 Grad Plus auf der Thermometeranzeige konnte zur Qual werden.

‍

Zur Abkühlung kommt das Schwimmbad an Bord gerade recht [4]

‍

Doch trotz der mannigfaltigen Beschwerden gab es auch erhebende Momente, als deren bedeutsamstes ist sicher die Begegnung mit dem französischen Truppentransportdampfer „Aquitaine“ und die unerwartet herzliche Begrüßung durch die Franzosen. Englische Schiffe hissten bei einer Begegnung nur schweigend die Flagge.

‍

Das Offizierskorps des II. Seebataillon sorgte dafür das kein Reisekoller aufkam [4]

‍

Es ist Montag, der 13.8. als man in Deutsch Kiautschou anlegt; hier erfahren die Soldaten, das der Feldmarschall Graf Waldersee den Oberbefehl über die Verbündeten erhalten hat. Am Nachmittag des 15.8. nach sechswöchiger Seefahrt ist die Takureede an der Mündung des Peihofluss, wo rund 40 Kriegsschiffe und eine große Anzahl von Dampfern aller Nationen ankern, als Zielort erreicht.

‍

Die Flagge des Feldmarschalls Graf von Waldersee [6]

‍

Das damalige Deutsche Reich zog eine Vielzahl von Schiffen vor China zusammen. Unter anderem entsandte es vier Linienschiffe, welche jedoch nicht mehr aktiv in die Kämpfe eingriffen.

Zum Jahresende 1900 verfügte das Geschwader, neben dem Flaggschiff „Bismarck“ über drei Große Kreuzer, sieben kleine Kreuzer, vier Linienschiffe, vier Kanonenboote und vier Torpedoboote.

Dem Seesoldaten Brinker eröffnete sich nun eine fremde, unbekannte Welt. Zum Schutz gegen Angriffe chinesischer Kriegsschiffe (denn große Teile des Chinesischen Militärs waren zu den „Boxern“ übergegangen) fuhren die „Frankfurt“ und die „Wittekind“ (mit dem I. Seebataillon) die letzten Seemeilen unter dem Schutz S.M.S. „Fürst Bismarck“.

‍

Panzerkreuzer „Fürst Bismarck“ (Nach einem Gemälde von C. Salzmann)[7]
Baujahr 1897, 10700 t groß, 4 x 24 cm, 12 x 15 cm, 10 x 8,8 cm - Kanonen 6 Torpedos und eine Besatzung von 621 Mann

‍

‍

Kleine Transportdampfer bringen nun die Mannschaften an Land, wobei die zerstörten chinesischen Takuforts mit ihren modernen 15 cm Krupp-Kanonen bestaunt werden.

‍

Ansicht des Chinesischen Takufort [4]

‍

‍

Vorbei an Russischen Kosakenposten, geht es mit der Bahn weiter nach Tientsin.

‍

‍

Soldaten des II. Seebataillon bei der Fahrt mit einer Schmalspurbahn. Bestaunt von den Chinesen. [4]

‍

Überall sind Soldaten zu sehen: Französische Marineinfanterie in blauleinen Tropenuniform, große bärtige Inder in Khaki und Turban, die kleinen Japaner in Drillich, die US-Amerikaner mit breitkrempigen grauen Filzhüten und schlichten blauen Tuchsachen.

‍

Ein Soldat des Manschu-Banners mit einem primitiven Raketengewehr [1]

‍

‍

Übersichts-Skizze der Expedition des II. Seebataillon [4]

‍

Als die Deutschen Truppen nun am 25.8. den Marsch nach Peking antreten, haben schon andere alliierte Truppen unter dem Britischen General Gaselee am 13.7. den Belagerungsring der Boxer durchbrochen und die Eingeschlossen in dem Gesandtschaftsviertel befreit. Die Boxer sind längst überall geflohen.

Am 1.9. rückte auch der Seesoldat Brinker mit seinen Kameraden in Peking ein. Aber wie sieht es da aus? Die meisten Gebäude waren nicht mehr bewohnbar, leer und ausgebrannt oder durch die Boxer ausgeraubt und verwüstet. So mußten die Seesoldaten Biwak beziehen. Mit der untergehenden Sonne wurde es empfindlich kalt. Nach einer steifen Erbswurst-Suppen-Mahlzeit (die Erbswurst war 1870/71 beim Deutschen Militär eingeführt worden) mit eingebrocktem Hartbrot wickelten sich die Seesoldaten in ihre Schlafdecken, um dann dem Morgen entgegen zu dämmern.

Da noch einzelne Überfälle auf Wachposten zu verzeichnen waren, jagten die Alliierten Truppen die nicht mehr geschlossen agierenden Boxer bis zu der Chinesischen Mauer. Wer sich den Rächern in den Weg stellte, oder auch nur entfernt an einen Aufrührer erinnerte, wurde gnadenlos niedergemacht.

In Peking nutzten die Alliierten den Zusammenbruch der Chinesen und plünderten die Stadt.

‍

Die mit altertümlichen Kanonen bestückte Pekinger Stadtmauer [3]

‍

Es kam Weihnachten; und da Tannen und Fichten nicht zur Verfügung standen, mußten Lebensbäume als Weihnachtsbäume bei den Soldaten Herhalten.

Als sich in China die Regenzeit ankündigte und es in Peking recht ungemütlich wurde, erreichte die Seesoldaten am 23.5. 1901 der Befehl zum Rückzug auf Tsingtau.

Die Zeit in China war für den Seesoldaten Brinker und seine Kameraden vom II. Seebataillon nun beendet.

‍

Die Fahne des II. Seebataillon konnte nun eingerollt werden [3]

‍

Am 15.8.1901 ging es in Tsingtau an Bord des Dampfers „Pisa“ der „Slomannlinie“ in die Heimat zurück. Zweiunddreißig Soldaten des II. Seebataillon blieben für immer in chinesischer Erde. Am 30.8.1901 erfolgte die Ankunft in Bremerhaven. Nach einer kurzen Quarantäne mit entsprechender Desinfizierung wurden die Seesoldaten für seuchenfrei erklärt. Dann zogen die zur Entlassung bestimmten Soldaten, nach Transporten formiert, mit klingendem Spiel zum Bahnhof um in Heimatstandorte zu fahren. Danach war für die Meisten erst einmal Heimaturlaub angesagt. Für den Soldaten Brinker endete am 21.6.1902 die Dienstzeit. Familienangehörige, Freunde und Bekannte bereiteten ihm in seiner Heimatstadt Hohenlimburg einen großen Bahnhof.

‍

Dieses Gemälde von Carl Röchling (nach dem Ausspruch des Britischen Admiral Seymour in China „The Germans to the Front ....genannt“) hing in manchen Wohnstuben nationalgesinnter Deutscher, auch bei Herrn Brinker

‍

‍

Albert Brinker (stehend) mit einem Bekannten vor Erinnerungsstücken aus dem Boxeraufstand in seiner Wohnung um 1913

‍

1914 stehen sich die Soldaten, die unter der heißen Sonne Chinas eine für die damalige Zeit seltene Waffenbrüderschaft an den Tag gelegt hatten, einander als Feinde in den Schlachten des 1.Weltkrieges gegenüber. Albert Brinker erlebt den 1. Weltkrieg beim Reichsmarineamt in Berlin, hier wird er am 11.7.1918 zum Unteroffizier befördert und am 22.11.1918 erfolgte seine Entlassung aus dem Militärdienst.

‍

Albert Brinker (links) mit Kameraden beim Reichsmarineamt in Berlin um 1917 [3]

‍

Die Kaiserlichen Seebataillone wurden im 1. Weltkrieg zu einem Marinekorps zusammen gezogen. Diesem Marinekorps unterstand der Schutz und die Verteidigung der von den Deutschen besetzen Küstenzone Flanderns.

‍

Es wird ein schwerer Mörser feuerbereit gemacht [6]

‍

Deutschlands Ostasientraum geht am 7.11.1914 zu Ende. Das Deutsche Pachtgebiet Kiautschou wird von den Japanern erobert.

In Hohenlimburg zählt Albert Brinker zu dem Mitbegründer der heimischen Marinekameradschaft. Den Aufstieg Chinas zur Großmacht darf Albert Brinker noch erleben, er stirbt hochbetagt 1967 in Hohenlimburg.

Die damalige Industriestadt Hohenlimburg zog viele Menschen von Auswärts an, so auch den 1928 aus dem Rheinland nach Hohenlimburg zugezogenen Adolf Spiegel, den aus Zwickau zugezogenen Schneidermeister Angelo Patzer und den aus Paderborn zugezogene Herr Heger, sie alle gehörten mit zum Kreis der Chinakämpfer.

‍

__________________________________________

Bildernachweis

‍

[1] Bildersammlung W.Törnig

[2] Zinnfigurenmodellbau und Foto W. Törnig

[3] Nachlass Brinker

[4] Bilder aus dem Besitz der Familie Brinker

[5] Bearbeitetes Bild W. Törnig. Das Mausergewehr wird auch heutzutage von dem Berliner Wachbataillon der Bundeswehr in Form des Karabiners 98k genutzt.

[6] Aus einem Sammelalbum

[7] Ansichtskarte

‍

Inhalte sind urheberrechtlich geschützt!